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Giuseppe Verdi (1813-1901) »Ein Maskenball«

Ferstival 2016 - Giuseppe Verdi (1813-1901) »Ein Maskenball«Amelia, die man sich als aparte mediterrane Schönheit mit spanischer oder jüdischer Strenge und Disziplin vorstellen darf, führt ein formvolles Eheleben mit René, seinerseits hoher Beamter am Hofe und Vertrauter des Königs Richard. Doch die Ehe bleibt unerfüllt von Liebe und Wärme – oder sie hat sich im Laufe der Jahre so entwickelt.
Amelia, eine glanzvolle Frau, von ihrem Mann nicht geliebt, lässt sich von der politischen Brillanz, der genialischen Gewagtheit und dem strahlenden Äußeren des Königs anziehen, in rettungsloser Verliebtheit.
Ihre moralische Kraft und Disziplin sind hingegen so stark, dass sie alles daran setzt, dieser Verliebtheit zu begegnen und sich ihrem Ehemanne treu zu erhalten. Doch ihre Versuche, das Übel der Liebe zum König loszuwerden, verraten gegen ihre Absicht diese geheimen Liebe und bereiten so den Weg für die Katastrophe – für die Tragödie.
René, Amelias Ehemann, ist dem König brav und treu ergeben…und nicht nur dies: während gegenüber seiner Frau im häuslichen Leben nur formale Kühle bleibt, erfüllt indes Treue und Ergebenheit zum König seine ganze Seele. All sein Trachten und seine Liebe, seine erotische Wärme richtet sich auf den König. Diese seine Seeleneigenschaft ist in seiner historischen Situation tragisch.
Richard, der König, ist ein schillernder Charakter: er liebt zu herrschen und zu spielen. Er ist nicht skrupellos, aber unkonventionell und agiert brillant mit seiner Macht nach seinem Gusto, schafft sich hiermit sowohl Freunde und Vasallen als auch Feinde. Auch seine erotischen Interessen gehen in die verschiedensten Richtungen.
Der Hofknabe Oskar, seinerseits im Alter von vielleicht 15 Jahren hell, geistvoll, schwungvoll, inspirierend und in undefinierter Weise erotisch, hat ein sehr intimes Band zum König, das aber keinerlei Schwere des Konkret-Sinnlichen hat. Der Knabe steht noch so am Beginn der Pubertät, dass er in jeder Sache leicht und mit einem Anflug von Chutzpe agieren kann, ohne schwer und tief in Gefühlsprobleme einzudringen. Den König inspiriert genau diese Leichtigkeit. Sie macht ihn jung, sie hält ihn jung, sie lässt seine Gedanken leichter fliegen als bei all den Funktionsträgern, die schwer an der Last der täglichen Routine und der Hierarchien und politischen Zwänge tragen.
Doch diese betonte Leichtigkeit des Königs, die ihn brillant sein lässt, ist auch seine Schwäche: er setzt die Privilegien des Adels zurück, agiert nach seinem Gusto und vermutlich auch nach Sympathie und Antipathie. Damit mögen durchaus auch Impulse der Gerechtigkeit verbunden sein, doch es bleiben Akte der Willkür, und die beleidigten Gefühle der Unterdrückten, Zurückgesetzten konzentrieren sich in eine Verschwörung.
Richards Energie ist immer emotional. Am Tiefsten beleidigt er seinen Vertrauten René, den er mit seiner Ehefrau betrügt, dessen treue Dienste er ausnützt und dessen persönliche Liebe er enttäuscht.
Richard ist, inspiriert von Oscars leichtem Geist, zu unbekümmert gegenüber Gefahren, die von denen drohen, die er in seinem leichten Spieltrieb benachteiligt hat. Diese Unbekümmertheit bezahlt er mit dem Tode.
Richard ist fern davon, nur jenen Knaben zu lieben. Er liebt Amelia, die dunkle, aparte, disziplinierte und geschmackvolle Schönheit – und zudem: das unerreichbare Wesen. Unerreichbar, denn sie ist verheiratet – und der König ist nicht so skrupellos wie der Herzog von Mantua in Verdis »Rigoletto« – aber spielerisch skrupellos genug ist er doch, um Amelia in tiefer Nacht an einen geheimnisvollen Ort nachzustellen und so lang auf sie einzuwirken, bis sie ihm ihre Verliebtheit gesteht und er sie, wenigstens hier im Geheimen, zu einem erotischen Abenteuer verleiten kann, zumindest beinahe, denn da werden sie gestört… ausgerechnet von René.
Und was René betrifft: Richard spürt natürlich, dass dieser Sekretär und Freund ihm ganz verfallen ist, und vermutlich ist René ihm langweilig, empfindet er seinen Charakter als plump, schwer und phantasielos…andererseits braucht er ihn als Vasallen und toleriert deshalb seine erotischen Anwandlungen wenigstens ein Stück weit, selbst wenn sich die Höflinge (insbesondere die Verschwörer) schon offen darüber lustig machen. Zudem ist René ja der Mann der aparten Amelia, und indem Richard René seinen Platz an seiner Seite zugesteht, kommt dieser nicht auf die Gedanken, dass Richard Amelia lieben könne.
Die Enttäuschung Renés ist dreifach: Erstens sieht er sich von seiner Ehefrau betrogen.
Zweitens sieht er sich von seinem besten Freund, dem König, seiner Ehefrau beraubt.
Und drittens sieht er seine Liebe zum König betrogen, enttäuscht, dass dieser nicht ihn liebt, sondern eine Frau…nämlich seine Frau. Den Knaben Oskar tolerierte er, der war für ihn nicht so ernst zu nehmen, da sich die Beziehung zwischen König und Oscar auf einer leichten, spielerischen Ebene abspielt…doch die Ebene, auf der Richard Amelia liebt, ist genau die ernste Ebene der großen Liebe, auf der René den König liebt.
Darum ist sein Entschluss, den König zu töten, so vehement und total.
Die Figuren der Oper versenken sich tief in eine Welt der Leidenschaft.
Die Spuren der schicksalgebenden Macht suchen sie im Zwielicht des Reiches einer Wahrsagerin und an geheimnisvollen Orten.
Es ist das Reich der Naturkräfte, der Nacht und der Erotik.
Die Rachegefühle der Zurückgesetzten, die geheimen, verbotenen Liebesgefühle zwischen Amelia und Richard, die dubiose Liebe zwischen Richard und Oscar, die unterdrückte Liebe Renés zu Richard – das alles manifestiert in verzerrten Antlitzen: in den Masken, den Fratzen.
Die Fratzen künden vom Verhängnis.
Die transzendente Welt zeigt sich nicht als offene Gottesbeziehung, sondern als Verhängnis, das zum Tode führt und alle Ziele der Leidenschaften schließlich zunichte macht.

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