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Gioacchino Rossini (1792-1868) »Wilhelm Tell«

Festival 2015 - Gioacchino Rossini (1792-1868) »Wilhelm Tell«In meinem Arrangement des Tell-Themas betreibe ich das Gegenteil von Purismus. Sondern ich möchte den Freie Reichsstadt-jubiläumsberauschten Isnyern und dem aus ruhigerer Distanz betrachtenden Theaterpublikum in München und Stuttgart aus vorgefundenem dramatischen und musikalischen Material eine kurz gefasste, kurzweilige und spannende Geschichte präsentieren, die uns alle einmal mehr bestätigt und beflügelt in unserer Liebe zur Freiheit, im Stolz auf moderne politische Errungenschaften und in der tiefen Abneigung gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Gewalt.
Völlig heterogene Elemente mische ich wild durcheinander: Schillers geniale Dialoge und Monologe, Rossinis Opernkomposition auf deutsch (insbesondere für den Helden Tell und für die Schweizer) und auf italienisch (insbesondere für Rudenz und Berta, die brillanten Liebenden) – dabei die französische Originalsprache außer acht lassend. Alles stark gekürzt, das dramaturgisch etwas schwache Rossini-Libretto durch Details aus Schillers spannendem Drama gewürzt und bereichert. Und vielleicht gerade in dieser Mischung eine Essenz der Wahrheit herausarbeitend: eine Atmosphäre zusammensetzend, die den Charakter der Schweiz trifft, für die sich dieses Drama in Wirklichkeit abspielte und das deren Selbstverständnis bis heute fundamental bestimmt …und zu einem gewissen Grad auch die der sonstigen Alemannen und Freien Reichsstädter im schwäbisch- alemannischen Gebiet…
Die ganz unterschiedlichen Texte und Musiknummern unserer Inszenierung stellen vier Grundcharakterzüge ins Rampenlicht:
1) Deutsches Naturgefühl romantischer Art – in den auf deutsch gesungenen Chören.
2) Alemannischer Sinn fürs Praktische und Sparsame – in Schillers geflügelten Worten (»Die Axt im Haus erspart den Zimmermann«).
3) Italienische Brillanz – in Rossinis Liebesduetten, Terzetten und heldischen Bravourarien.
4) Berauschtes Freiheitspathos im Stile der Grande Opera – in den Verdi-artigen großen Ensembles von Rossini und in den freiheitsbegeisterten Monologen und Schlagabtauschen in Schillers glühender Sprache.
Auf einem Volk mit diesen Grundcharakterzügen gedeiht das Tell-Freiheitsdrama.
(Man mag die Frage stellen, was die italienische Brillanz hier zu suchen habe. Doch befindet sich die Schweiz am äußersten Südende des deutschsprachigen Gebietes, und die intensive Sonne, auch im Winter auf Schnee, bringt schon etwas von südlicher Energie zutage…)
Das Kostümbild und mancherlei Requisiten spielen andeutungsweise auf die mittelalterliche Epoche an, doch geht es uns nicht um ein Historiendrama, sondern um das Zeitlose dieser politischen Unterdrückungs- und Freiheitsdramatik. Die vier stilisierten Rechtecke auf dem Obergewande, mit denen unsere Kostümbildnerin Diana Leist jeden einzelnen Spieler je unterschiedlich charakterisiert, mögen auf die Energie verweisen, die die oben genannten vier Grundcharakterzüge in sich vereint
Lassen wir also mit diesem musikalisch-theatralischen Abend von einem der Gefühle umfassen, die wir alle lieben und jederzeit in uns tragen: Das Gefühl der Befreiung, das Gefühl der gewonnenen Freiheit, das uns mit mächtigen Flügeln aufwärts trägt.
Hans-Christian Hauser

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