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Modernes bei Spoliansky

»Es liegt in der Luft« kann als erster deutscher Versuch gewertet werden, ein Musical zu schreiben. Da aber seinerzeit dieser Begriff in Deutschland noch unbekannt war, bezeichneten die Künstler ihr Stück als Revue, und damit konnte jeder etwas anfangen. Margo Lion stand darin zusammen mit ihrer Freundin, der zwei Jahre jüngeren Marlene Dietrich, auf der Bühne. Sie sangen unter anderem das doppeldeutige Duett »Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin«. Mit dem Titelchanson wurde die »Neue Sachlichkeit« zum Modewort dieser Jahre.
Die hübschen Szenen führen uns so vieles vor Augen, was zur modernen Zeit gehört. 1928 gar nicht viel anders als 2014…

Kommerzialisierung
Diesseits, jenseits, halberwegen – Gottes Segen auf und ab! Es schwebt die Welt seit jeher schon zwischen Herren- und Damenkonfektion.
Stühle, welche wackeln, Fackeln, die nicht fackeln! Fremde Wohnungsschilder, unmoderne Bilder, und das allerbeste: vom Coupon die Reste! Billig ohnegleichen! Die zum Kleid nie reichen und die enden müssen dann als Sofakissen! Nur zurückgesetzt muss es sein!
Was machen denn unsere lieben abgegebenen Zwillinge? Wird auch gut und reichlich für sie gesorgt?
Wo sollte denn besser für sie gesorgt werden als bei uns im Warenhaus? Hier ist doch alles da!

Globalisierung
Unsere Hochzeitsreise machen wir durch sämtliche fremdländischen Abteilungen unseres Warenhauses: Japanlager, Chinaabteilung, Indienlager, russisches kommunistisches Kunstgewerbe…

Profanisierung
»Ich möchte für meine Kleine ein weißes neckisches Konfirmationskleidchen! Meine Kleine ist zwar noch nicht so weit, aber ich habe mir gedacht: weil gerade weiße Woche ist – lass ich sie mit einsegnen! Eingesegnet ist eingesegnet! Occasion ist Occasion!«
Die Braut, sie tritt und sie tritt, alle Eltern und Verwandten treten hinten mit! Bis sie mit ihm getraut wird, dann tanzt man hinterher, und die holde Braut wird ganz langsam ordinär.

Der letzte Schrei
Führen nur Neuestes! Nur neueste Elektroplatten des weltberühmten amerikanischen Chansonniers Jack Smith, der sogenannte flüsternde Bariton! Singt nicht, flüstert nur!…Modesache, meine Dame! Flüstern jetzt sehr modern! Alles heute sehr undeutlich! »Frag mich was« – will keiner wissen, Pingpong ist jetzt Mode!

Karriere
Petersilie: Das Warenhaus ist ja so groß, dass man sich jahrzehntelang nicht trifft. Mannequin geworden! Peter: Chef geworden!

Unverbindlichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen
Sagt beispielsweise irgendwer zu wem: »Du kannst dich irgendwie darauf verlassen«, so ist das irgendwo nicht angenehm. Zwar ist das ein Versprechen irgendwie, jedoch man hält es meistens irgendnie.
Was hier aber auch alles liegenbleibt! Die Menschen sind doch sehr vergesslich geworden! – Das liegt in der Luft!

Charakterloses Durcheinander
Damenkonfektion, Schreibwaren, Wirtschaftslager, Schlipse, Nippes, Leder, Bücher, Sport, Papier, Brautabteilung, Trauerwäsche…
Nur ein Tröpfchen von l´heure bleu und von mille fleurs ein Hauch! Mit chevalier d´orsay. Dann noch etwas Himbeersaft vermischt mit Juchtenduftund etwas Autoluft, dann tüchtig schütteln und noch einmal rütteln und dann dreimal möglichst heiß aufkochen…

Technisierung
Was liegt heut in der Luft bloß? Was ist heut mit der Luft los? Durch die Lüfte sausen schon Bilder, Radio, Telefon. Durch die Luft geht alles drahtlos und die Luft wird schon ganz ratlos. Hört wie´s in den Lüften schwillt! Ferngespräch und Wagnerton!
Es liegt in der Luft eine Sachlichkeit, es liegt in der Luft eine Stachlichkeit…

Motorik
Abwärts – Aufwärts – Aufwärts – Abwärts …alles wegen der Tschingdabumsdara und alles wegen der Herren- und Damenkonfektion!

Fotografiergesicht
Bitte recht freundlich, bitte zu grinsen, rauf mit den Mienen! Hoch mit der Lippe, raus mit die Zähne!

Sich etwas vormachen
Ich bilde mir ganz einfach ein – ich werd mal reich zum guten Schluss. Ich weiß – das kommt nicht so, ich weiß – das wird nie sein.

Spaßgesellschaft
Wir wollen furchtbar lustig und ganz schrecklich ausgelassen sein. Wenn der praktische Berliner sich aus alten Sofakissen neckische Kostüme macht…wenn die eleganten Damen nichts anziehn als ihren Namen, Juchhu dann ist Karneval!

Kitsch
Ich bin Nippes, du bist Nippes, ein Schrank, der ohne Nippes ist, das ist gar kein richt´ger Schrank!
Amor: Wann schieß ich endlich mit dem Pfeil? Das macht mich ganz nervös! Wasserträgerin: Immer frag ich mich verstolen: wozu muss ich Wasser holen?

Wellness
…ich pflege mich, ich fette mich, ich pudre mich, ich creme mich, ich föhne mich, ich dufte mich, ich rieche nur!

Politisieren
Die Rechtspartei kommt an die Reih, na, hat man das gesehn! Wie findst du das, das ist doch krass, und Wilhelm – na, nu schön! …Ich sage nur i keine Spur – es will heut jeder leben! Na und Lenin, na lasst ihn ziehen! Na, dem hab ich´s gegeben!

Ausrufe im Cartoonstil
…ist viel bill´ger und bequemer, Ping! zu empfehln für Funkteilnehmer, Pong! Ping – Pong – Päng! Dann schmeiß ihr´n Ball ins Gesicht!

Gesellschaftsspiele in der Familie
Welch ein Spiel, das gar wie häuslich! Ist viel bill´ger und bequemer! Man kann´s mit Verwandten spielen! Das könn´ alle Tanten spielen!

Sexuelle Eigenarten
Er: Oh doch, und ich kann dir diesen lieblichsten aller Wünsche nicht erfüllen! Ich nicht! Sie: Warum kannst du nicht!? Er: Ich kann und ich kann nicht. Sie: Bitte drücke dich noch deutlicher aus. Er: Ich kann überhaupt nicht! Soll ich noch deutlicher werden?
O meine beste Freundin, o meine schöne Freundin, o meine treue Freundin, o meine süße Freundin! …Früher gab´s noch Hausfreund, doch das schwand dahin. Heute statt des Hausfreunds gibt´s die Hausfreundin!
(Schaufensterpuppe:) Sie kann sich nicht brüsten, sie hat keine Brust, ein Leibchen ist Hülle des Leibes! Sie hat keine Hüften, sie hat keine Lust, dieser Restbestand eines Weibes.
(Die Kleptomanen:) Wir haben einen kleinen Stich, wir stehlen wie die Raben! Trotzdem wir es ja eigentlich gar nicht nötig haben! Uns treibt nicht finanzielle Not, nein ein ganz anderer Grund! Wir tun´s aus sexueller Not! Aber sonst fühl´n wir uns gesund.

Hans-Christian Hauser

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