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Spielerische Interpretationen zur Weill-Oper

»Der Zar lässt sich photographieren« – Der Titel des Werkes kokettiert mit dem biblischen Gebote »Du sollst dir kein Bildnis machen!« Das Opernlibretto ist geistreich und birgt viel Potential. Um das geneigte Publikum auch bei Lesen des Programmheftes zu unterhalten, habe ich mir dreizehn Deutungen unserer Geschichte ausgedacht. Sagt Ihnen das nicht zu, können Sie es getrost überlesen und die Inszenierung als harmlose Spieloper genießen!

1) Politische Deutung: Seht her! Auch der Zar ist ein seelisch vielschichtiges Wesen!
Der Unterdrücker des Volkes und der einfühlsame, inspirierte Gentleman stehen konträr zueinander, spielen schizophren in gegensätzlichen Sphären. Soll man das Zarentum abschaffen, den Menschen hingegen leben lassen! Oder aber: Seid nicht so naiv zu glauben, der Tyrann sei gänzlich unsympathisch! Er mag ja nett sein, aber bringt ihn trotzdem um! Erschießt ihn endlich!

2) Tiefenpsychologische Deutung – die drei Phasen der Handlung sind wie drei Phasen der inneren Entwicklung einer Persönlichkeit: zuerst Unschuld:
Angèle symbolisiert den intuitiven, reinen, kreativen Zustand des Ich. dann Bedrohung und Machtkampf: der Zar symbolisiert den reinen, naiven Zustand des Ich; die Verschwörer hingegen den bedrohten, kriegerischen Zustand: sie machen Gewalt, Unterdrückung, Schuld des Tyrannen bewusst, der Gegengewalt und List hervorruft.
Dann Verdrängung: der Konflikt wird nicht gelöst, sondern verdrängt. Die Schlusssituation läuft rasch, motorisch und wie neurotisch ab: ein scheinbar gesicherter Seelenzustand, der unter der Oberfläche und in Wirklichkeit einen gefährlichen, scharfen und bekannten Konflikt birgt.

3) Sozialpsychologische Deutung – das Sein der Personen wird durch die gesellschaftliche Stellung bedingt:
Angèle ist intuitiv im seelischen Gleichgewicht. Doch dann trifft sie plötzlich die Möglichkeit des Berühmtwerdens: »Und morgen wird mein Atelier gestürmt, ich werde gefeiert wie eine Königin!« Der Ehrgeiz des gesellschaftlichen Aufstiegs verändert ihre Seele: heimliche zerstörerische Kräfte tauchen auf, eine FALSCHE Angèle. Umgekehrt der Zar: er möchte so gern seine hohe und mächtige Position abstreifen und auch die zerstörerischen Triebkräfte der Aufständischen ausblenden. »Ich will ein Bild von mir, das mich erinnert an einen Menschen, der ich bin. Ich werde es anseh´n, wenn ich über Krieg und Frieden bestimmen soll und werde fragen: Warum wollen das die Völker?
Wäre ich Volk, mir wären grüne Felder und wimmelnde Herden lieber… Ich könnte keinen Menschen töten.« Vergeblich. »Nun stirbt der Traum Paris. Eiserne Tore fallen zu, die mich verwahren. Kein Bummel mehr in Boulevards…«

4) Sexualpsychologische Deutung – Mann und Frau bleiben sich fremd:
Beide haben ihr Ziel im Gegenüber, doch wie durch einen seltsamen Anti-Magnetismus verfehlen sie sich, finden sich nie. Die Frau ist für den Mann nicht zu greifen. Sie bleibt immer »Photographin«, Spielerin, Beobachtende.
Und sie splittet sich auf – ähnlich der Frau in der Oper »Hoffmanns Erzählungen« – in die echte und die falschen Angèles. Der Zar: »Wir wollen uns lieben, Angèle!« Die falsche Angèle: »Ich will dir alles gewähren nach dem Bilde…« Der Zar: »Sie betrügen. Das ist Komödie. Sie bleiben Photograph im Taumel noch.«

5) Deutung in Gesellschaftsmechanismen:
Machtspiele, Rollenverhalten, Verführung, Verrat – ein geniales Bild der menschlichen Kommunikation: Ganz verschiedene Auffassungen der Wirklichkeit laufen nebeneinander her. Dem Zuschauer wird bewusst, in welchem Missverständnis sich die Beteiligten befinden.
Der Zar: »Keine Furcht! Hier bin ich sicher. Das Atelier ist ungefährlich..« Dabei ist es eigentlich kein Missverständnis, denn schliesslich muss jeder seinen eigenen Überlebenskampf führen – und am Ende kommt ja auch jeder mit seinem Spiel durch; nur, dass die Verschwörer ihr Ziel nicht erreichen.

6) Religiöse Deutung – Gott schützt die Naiven:
Wie in einer Art Anti-Magnetismus wird der Zar vor dem Anschlag bewahrt. Alle raffinierten Bemühungen der Verschwörer werden durch einen geheimen Zufall – in dem man Gottes Hand sehen kann – abgelenkt. auch: man soll Menschen nicht vergöttern. Das Photographieren am Ende der Oper schließlich ist ganz trivial… der Zar ist eben KEIN Gott!

7) Modernistische Deutung – ein inspiriertes Bild der modernen Welt:
Emanzipierte Frauen, Unmöglichkeit der Berechnung, Vertauschung von Rollen, Ideal der Gleichheit unter Menschen, Offenheit, Helligkeit, Freiheit, Spontaneität, Un-Romantik, Rationalität, schlagfertige Konversation, triviale Öffentlichkeit.
Der Zar: »Halt, Madame! Erlauben Sie, dass wir die Rollen tauschen…Vergessen Sie den Zaren, wie ich ihn vergaß. Monsieur macht eine Aufnahme von Madame und das im Augenblick.«

8) Konstruktivistische Deutung – die Welt als technisches, verschachteltes Spielfeld:
Intimes Atelier contra große Politik, Naivität contra Verschwörung, geistreiche Konversation contra Technik.
Die Kommunikation ist verschachtelt und doppelbödig: Angèle: »Können Sie fotografieren?« Die Verschwörer: »Auf uns´re Art. Sehn Sie unsre Vorkehrungen. Von besonderer Art, doch vollen Erfolg versprechend.«

9) Spielerische Deutung – alle Kommunikation als geistvolles Spiel:
Schlag auf Schlag (Pingpong), geistreiche, doppelbödige Umdeutung jedes Satzes Angèle (zum Boy) »Jetzt warst Du Zar, mein Boy. Nun bist Du wieder Boy, mein Zar.«
Der Zar: »Ich pflege meinen Launen zu gehorchen, denn wer befiehlt mir sonst? In jedem von uns will etwas niederknien, vor Gott, vor Launen, wie man´s nennen will.« Der Zar: »Wie bezahlt man Fürsten, Madame?« Angèle: »Nach der Aufnahme, Monsieur, wenn Ihnen noch Zeit bleibt.«
Der Zar: »Wir haben Zeit, Madame.«
Die falsche Angèle: »Endlich sitzen Sie so wie ich wünschte.«
Der Zar: »Und halte nun still bis Sie mich wecken wie einen Toten.«
Die falsche Angèle: »Das wird einem Gott nicht gelingen.«
Der Zar: »Doch einer Göttin!«

10) Künstlerische Deutung:
Angèle und der Zar sind beide geschützt vor Berechnung und Gefahr, da sie intuitiv und kunstsinnig sind:
»Wie schön sind Sie, Angèle! Zwei schwarze Monde schwimmen Ihre Augen in Wogen Bluts, das diese Wangen färbt. Ich sah noch keine Frau in solchem Aufruhr.«

11) Fatalistische Deutung: alle aktive Bemühung führt ins Leere…
12) Philosophische Deutung – der Mensch ist in seiner wahren Identität nicht zu fassen:
Die Fotografie, die Abbildung, die Abstraktion vermag das wahre Leben nicht zu greifen. Der Zar bleibt unfotografierbar. Ist er kultivierter Gentleman oder brutaler Tyrann?
Ist Angèle naiv-charmante Photographin oder raffinierte Verschwörerin? Der Zar: »Sind Sie den Angèle? – Jetzt bei Tageslicht.. – Wie das verändert! Bin ich denn der Zar?«

13) Existentialistische Deutung: unvermittelt dringt eine übermächtige Kraft in dein Leben ein. Sie wirkt grotesk, denn sie stellt deine bisherige Geborgenheit so unvermittelt und radikal in Frage wie ein Krokodil, das im scheinbar stillen Gewässer plötzlich mit seinen spitzen Zähnen auftaucht. Angèle: »Halt! Wann hätte ich den Zaren zur Aufnahme eingeladen? Mit einem Brief und noch einem Brief, einer Flut von Briefen?«
Das Groteske zieht sich durch viele Details unserer Handlung: ein Zar im privaten Fotoatelier in Paris, das Geschoss im Fotoapparat, Ahnungslosigkeit und Liebeswerben des Zaren gegenüber den Verschwörerinnen, das heile Schlussbild, und die Selbstwahrnehmung des Zaren:
»Ein Bild (von mir): das können Sie in jedem Laden kaufen. En face und im Profil. Zivil, in Uniform. In Hut, mit Krone. Ich bin im Handel, doch Sie sind rar.«
»Man wird hier eindringen. Erst sind es zehn, dann zwanzig, dann wie Sand am Meer. Kann ich´s verhindern? Über alles soll ein Zar gebieten, nur nicht über sein Leben. Denn ich bin ein Prinzip.«

Hans-Christian Hauser

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