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Festival 2013 - Leo Fall (1873-1925) »Die Rose von Stambul«»Die Rose von Stambul« – das klingt nach schönen Kostümen! – So war einer der ersten Kommentare, den ich zu diesem Titel erhielt. Diesen Wunsch wird unsere Kostümbildnerin Diana Leist mit ihrer Schöpferkraft und Fantasie gewiss nicht enttäuschen..!

Eine schöne goldene Voliere stellt das sanfte Gefängnis der schönen jungen Damen dar, die in unserer Inszenierung als bunte Vögel die Szene bevölkern – umgeben und in Schach gehalten von den Herren, die ebenfalls im Vogelkleid daherstolzieren.

Man denkt beim Titel der Operette an Exotisches, Geheimnisvolles, an Erotisches! Und diese feuchtwarme Sphäre, in der sich unser Drama abspielt, möchten wir durch die Vögel und den goldenen Käfig den sinnlich erfahrbar machen – selbstverständlich auch durch die schönen, jugendlichen Stimmen und die hübschen Gesichter…

Die Verfremdung ins Vogelhafte mit seinen ausgeprägten Linien und starken Farben bringt lässt manchen Charakterzug eindrücklich hervortreten: den Edelmut der schönen Kondja-Gül, die Niedlichkeit und Verspieltheit des reizenden Mädchenquartetts, die stolze Gebärde des Pascha-Vaters, die Wendigkeit des Dieners Sadi, die unbekümmerte Frische des jungen chinesischen Gastes…

Aber eigentlich stehen wir nicht vor einem erotischen Drama, sondern vor einem Freiheitsdrama. Exotisch, geheimnisvoll und orientalisch-erotisch erscheinen uns die Frauen, wo sie doch in Wirklichkeit unter Unfreiheit leiden. Exzentrisch geformt erblicken wir die Herren, die die Macht ausüben.

Kondja-Gül, zu deutsch »Rosenknospe«, bekommt den Mann, den sie will; und die gute Nachricht dabei ist, dass sie doch beides liebt: seine künstlerischen Werke ebenso wie seine sinnliche Präsenz. Beides gehört in der wahren Liebe zusammen. Das Erotische ist nicht abgetrennt vom Ganzen, nicht rein auf Körperliches beschränkt.

Und: Kondja-Gül musste, um das zu begreifen, in verwegenem Mut den Bräutigam einsperren und aus der wohlbehüteten türkischen Heimat fliehen.

Die vier Mädchen schaffen sich ihre Freiheit auf pragmatische Art. Für sie geht es nicht um Prinzipien und um den großen Sieg, sondern darum, mit Geschick und weiblicher Leichtigkeit sich die gewünschten Freuden zu beschaffen – in ihrem Fall den Flirt mit einem netten kleinen Chinesen – ein kleines Abenteuer, das der Pascha nie freiwillig erlaubt hätte.
Und der Pascha wird am Ende demontiert. Die Schweiz steht in dieser Geschichte beispielhaft für die europäische Klarheit des Denkens und der Beobachtung. Und sie steht für die Freiheit.

Unsere Figuren sind nun nicht mehr Vögel, sondern treten als moderne Menschen in unser Schweizer Hotel. Selbst der Diener hat sich verwandelt, nimmt eine neue Identität an, ist nun Hoteldirektor, kann frei schalten und walten.
Der Pascha stolpert über seine eigene Doppelmoral, die dem orientalischen Märchensystem entstammt: Er meint, er könne sich in Europa unbekümmert erotische Gespielinnen zulegen – während er seine Tochter und sämtliches weitere weibliche Personal zu Hause an der strengen Kandare halten will.

Zur Strafe wird er durch den Scherz der vier Mädchen so demaskiert, dass von seiner Autorität nichts bleibt – außer dass er der stolze Opa eines von Kondja geborenen Kindes werden kann (- es möge nur ja ein Knabe sein…!).

Die Moral also: Lasst Euren Leuten die Freiheit! Versucht nicht, sie zu beherrschen! Die Welt ist modern geworden, ein Netzwerk, in dem die passenden Beziehungen schon von selbst entstehen. Leicht, fröhlich und bunt gerät das Leben, wenn man die Unterdrückung beiseite lässt!

Hans Christian Hauser

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