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Festival 2008 - Giuseppe Verdi (1813-1901) »Rigoletto«Giuseppe Verdi (1813-1901) »Rigoletto«
Melodramma in tre atti

Welche Gefühle erweckt Giuseppe Verdis Musik in uns?
Wir empfinden seine Musik als mächtig und voll tragischer Leidenschaft…
Was steckt in dieser Oper »Rigoletto«?

Es geht um Macht und um den gescheiterten Versuch, sich der Macht zu widersetzen.

Die Macht ist verkörpert im Herzog von Mantua – und zwar gleich doppelt:
politische Macht und sinnliche Macht (also Jugend, Schönheit, Unwiderstehlichkeit gegenüber Frauen).

Wir führen in unserer Inszenierung die Macht durch eine besonders breite Bühnenausdehnung vor Augen (in Isny vor der Kulisse des wehrhaften Diebsturms mit einem sehr hohen Stadtmauerabschnitt) sowie durch aneinander gereihte Schwarzweißfotos. Diese zeigen:
• In der 1. und 3. Szene das Machtzentrum des Herzogs: seinen Palast
• In der 2. Szene das sorgfältig abgeriegelte Haus Rigolettos, in dem er seine Tochter Gilda zu bewahren und seine private Sphäre also seinen Machtbereich aufrecht zu erhalten sucht.
• In der 4. Szene das ländliche Haus des Killers Sparafucile, also des Mannes, der sich die Macht herausnimmt, im Auftrag zu töten.

Die fotografische Genauigkeit und die sich – wie in einem Film – überlappenden Ausschnitte zeigen, ähnlich einem Krimi, das kalte, unerbittliche, präzise Bild der Macht.

Ein archaischer Reiter symbolisiert mit seinem gespannten Bogen den rücksichtslosen und stets erfolgreichen Herzog, der im Verlauf des Dramas ungehindert von links quer über die gesamte Szene bis nach ganz rechts (und weiter) galoppiert, siegreich, unberührt – gleichgültig, wie viele Frauen er entehrt hat, wie viele Menschen und Schicksale er auf dem Gewissen hat.

Zwischen den Schwarzweißelementen tun sich Lücken auf, aus denen die handelnden Figuren starkfarbig und reich gekleidet herausleuchten.
Die Handlung spielt in den Lücken, die die Macht zulässt. Die Handlung ist kein Spiel, sondern der Ablauf des Unausweichlichen-unausweichlich, weil es die Macht so will und die Schwäche der Figuren es nicht anders zulässt.

Die Lücken bewirken auch, dass die Handelnden selbst jeweils nur einen Teilausschnitt sehen: das, was in einer anderen Lücke spielt, bleibt ihnen verborgen. Auch das gehört zum System der Macht. Die nächtlichen Abenteuer des Herzogs sind Inkognito. Ebenso versuchen Rigoletto und Sparafucile, im Verborgenen ihre Pläne auszuführen.

Damit der Mächtige mächtig sein kann, braucht es in seiner Umgebung SCHWÄCHE.
Die Höflinge sind schwach, indem sie Opportunisten sind, moralisch korrupt und des Herzogs Macht so verfallen, dass sie sich in seiner Stärke sonnen. Die schönen Frauen erliegen, eine nach der anderen, den sinnlichen Reizen des Herzogs und werden von ihm »entehrt«.

Nun gibt es Versuche gegen den Mächtigen zu behaupten.
Monterone begehrt auf, weil seine Tochter entehrt wurde, da wird er verhöhnt und in den Kerker geworfen.
Den größten Versuch, sich zu widersetzen, unternimmt Rigoletto und dabei scheitert er kolossal. Das ist die Tragödie.

Rigoletto verschließt seine Tochter sorgfältig, damit der Herzog nichts von ihrer Existenz erfahre; doch diese Strategie misslingt: der Herzog stellt ihr in der Kirche nach, die Höflinge außerdem haben sie entdeckt und entführen sie, und dann entehrt sie der Herzog.

Da versucht Rigoletto das extremste Mittel: den Herzog ermorden zu lassen. Doch auch dieser Versuch scheitert. Für Rigoletto, der schon triumphierte, als Sparafucile ihm den Sack mit der Leiche übergab, passiert das Schlimmstmögliche: seine Tochter ist ermordet, der Herzog lebt munter weiter.

Wodurch nimmt eine Tragödie ihren Lauf? Dadurch dass Menschen an entscheidenden Punkten Schwächen haben.

Welche Schwächen haben die Männer in dieser Oper?
Rigoletto:
• Er ist von Natur durch einen Buckel benachteiligt, seine geliebte Frau ist frühzeitig gestorben. Nun klammert er sich an seine Tochter als einzigen Schatz. ER spricht nicht mit ihr offen über ihre Situation und mögliche Gefahren, er öffnet sich ihr nicht in Vertrauen sondern hütet sie wie einen wertvollen Besitz. Dadurch provoziert er einen Unbekannten zu treffen und so in offenen Messer zu laufen.
• Er biedert sich dem Herzog als Narr an, sieht seine Chance darin, auf Kosten aller Anderen böse Späße zu machen. Dadurch zieht er sich den Hass aller Höflinge und gar noch den Fluch des Monterone zu.
• Er lässt sich vom Fluch des Monterone beeindrucken. Dieser Fluch entwickelt dann im Unterbewussten eine Eigendynamik und erfüllt sich.

Monterone:
• Er begehrt zwar auf, hat aber keinen Rückhalt.

Sparafucile:
• Er ist als Berufskiller ausgestattet mit der Unverfrorenheit des Mordens als geschäftliche Tätigkeit. Er stellt also eine Macht dar, die dem Herzog höchst gefährlich werden kann, wird dann aber seiner Schwester gegenüber weich und lässt sich durch sie von den Prinzipien eines »ehrenhaften Vertrags unter Männern« abbringen.

Die Schwächen der Männer stellen die Signale für den unheilvollen Verlauf der Handlung, während die Schwächen der Frauen schließlich in der Begegnung mit dem Herzog rasch und direkt zum tragischen Schluss führen:

Maddalena:
• Wird gegenüber dem schönen jungen Mann schwach und opfert dafür das Leben eines (oder einer) x-beliebigen Anderen.

Gilda:
• Wird für den Herzog, obwohl sie dessen Unverfrorenheit und Niedertracht inzwischen vor Augen hatte, so weich, dass sie ihr eigenes Leben opfert und gleichzeitig die Loyalität (Treue) zu ihrem Vater.
• Sie entscheidet sich für den Herzog und damit gegen ihren Vater. Wenn sie auch diese Entscheidung durch große Entschuldigungsbitte abzuschwächen sucht.
»La donna è mobile qual piuma al vento«- »die Frauen sind leicht zu bewegen, wie Flaumfedern im Wind.« Das weiß der Herzog sich zunutze zu machen. Er, rücksichtslos, unverfroren, egoistisch und glücklich, ist der Einzige, der keine Schwäche hat und die Schwächen der Männer wie der Frauen geschickt nützt.

Die Oper »Rigoletto« ist eine tragische und höchst pessimistische Oper:
die irdische Welt ist böse. Weltliche Macht siegt. Schwäche passt sich ihr an. Versuche, sich der Macht zu widersetzen, werden brutal zerschlagen. Weltliche Macht ist zudem mit äußerlicher Schönheit gepaart und gewinnt. Körperliches benachteiligt sein verliert; es liegt ein Fluch darauf.

Gott gibt es nur im Himmel, im Jenseits, wo Gildas verstorbene Mutter für Rigoletto und Gilda betet und wo nun, nach ihrer Ermordung, auch Gilda für Rigoletto betet. Rigoletto wartet, ebenso wie das Publikum, vergeblich darauf, dass sich Gottes Gerechtigkeit in der Welt durchsetzt. Hier, im Diesseits, bleibt die Macht des unwiderstehlichen Herzogs erhalten. Rigoletto, der Berufs-Narr, wird zum Narren gehalten, macht sich zum Narren, wird vollends zum Narren.

Ein Narr ist einer, der keine Macht hat…
Es gibt im Diesseits keine Gerechtigkeit.
Und Verdis Musik? Was bringt sie zu Ausdruck?
Den Genuss der Macht.
Und die Liebe zur Macht, das Dahinschmelzen gegenüber der Macht.
Und das große Leiden unter der Macht.
Und eigentlich den Genuss dieser drei Gefühle. Als ob Verdi sagte:
Das wesentliche sind die GROSSEN GEFÜHLE. Darin steckt das Wertvolle, das Göttliche, das Leben- egal ob in der Welt mächtig oder ohnmächtig.
Dem Pessimismus der tragischen Handlung setzt er den dyonisischen Genuss der Gefühle entgegen.

Hans-Christian Hauser

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