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Misslungene Entführung – geschenkte Freiheit

Zur Oper »Die Entführung aus dem Serail« von W.A. Mozart

Ein Entführungsfall, heutzutage, als Opernspaß? Kunstgenuss, heutzutage, bei einem Geschichtchen, das von orientalischer Barbarei und europäischer Überlegenheit handelt? Erträglich nur, weil Oper eh nichts anderes ist als Situationsmusik, die sich als Aufhänger irgendeinen anspruchslosen Text hernimmt, dann aber, im Falle Mozarts, so schön ist, dass man nicht anders kann, als begeistert zu sein, und darüber jedes kritische Hinterfragen vergisst?

Auch die Großen der Kulturgeschichte sind Kinder ihrer Zeit. Das Türken-Thema war zu Mozarts Zeit und darüber hinaus gängig und beliebt. Noch Jahrzehnte später findet Ludwig Uhland, immerhin Hochschulprofessor und liberaler Politiker, nichts dabei, mittelalterverklärend ein Klischee von Kreuzzugsmentalität zu bedienen, indem er einen »wackeren Schwaben« auf einen Türken stoßen lässt, der ihn aus purer Langeweile angreift und dafür durch einen Schwerthieb hingestreckt wird (so in der Ballade »Schwäbische Kunde«).

Sympathischer für heutiges Empfinden ist da schon die aufgeklärte Gestalt des edlen Sultans Saladin in Lessings Drama »Nathan der Weise«. Dieses Hohelied der Toleranz ist in dem gleichen Jahr 1779 erschienen, in dem Mozart mit der Arbeit an seinem Türkenstoff anfing. Inwiefern der »Bassa« (heute geläufiger: Pascha), der in dem Singspiel »Die Entführung aus dem Serail« auf die Bühne kommt, den Lessinschen Sultan an Edelmut sogar noch überbietet, wird im Folgenden zu zeigen sein. Jedenfalls: Mozart hat, trotz »Türkenmode«, nicht »irgendeinen Stoff« genommen, sondern es ging ihm um eine ernsthafte Aussage.

Wenn man allerdings, ohne die Musik zu beachten, nur das Textbuch, das, mit einiger Einmischung durch Mozart selbst, von J. G. Stephanie d. J. nach einer Vorlage von C. F. Bretzner verfasst worden ist, mit literaturvergleichendem kritischem Blick liest, kann man dem Werkchen zunächst keinen hohen Rang zusprechen. Aber genau dieser Umstand ist es, der umso eindringlicher die non-verbale Kraft der Musik in hellstes Licht rückt: Eine im Grundgedanken zwar bemerkenswerte, literarisch aber schwache Textvorlage wird bei eben den Personen, die in Arien und Duetten ihre Freuden und Schmerzen hinaussingen (also bezeichnenderweise nicht beim Balla Selim, der nur eine Sprechrolle hat!) zu einem Seelendrama der eindringlichsten Art.

Um es noch einmal zu sagen: zum Seelendrama wird die Happy-end-Geschichte erst durch den (wie Wilhelm Zentner in der Einleitung zum Reclam-Textheft sagt) »Charakterdramatiker« und »Seelenschilderer« Wolfgang Amadeus Mozart. Die Art, wie der geniale Melodienerfinder Gefühlslagen und Gemütsverfassungen mit musikalischen Mitteln glaubwürdig macht, gestattet dem Handlungsaufbau und der Motivationsverkettung, getrost bei einer fast märchenhaften Schwarz-weiß-Darstellung zu bleiben, die das Gute gut und das Böse böse sein lässt. Diffizilere Fragen wie zum Beispiel die, ob an der Treue der Geliebten zu zweifeln sei, werden nicht wirklich thematisiert oder gar psychologisch entwickelt, sondern bleiben Episode. Die Treue ist stärker als die Drohung, »Martern aller Arten« (Konstanze im 2. Akt) erleiden zu müssen; die Liebe ist stärker als die Furcht vor dem Tod, denn »mit dem/der Geliebten sterben ist seliges Entzücken« (Konstanze/Belmonte im 3. Akt).

Bei so viel ungetrübter Reinheit darf, ja muss Osmin als Kontrast eine ebenso bedingungslose Verkörperung von Hass und Bosheit darstellen. Wer auch nur halbwegs ein Liebhaber der Kunstgattung Oper ist, kann nicht anders als sagen: Was wäre Mozarts »Die Entführung aus dem Serail« ohne diese nach Stimme und Charakter rabenschwarze Märchenfigur, der man von Herzen gönnt, zuerst vom Gegner überlistet und dann auch noch vom eigenen Herrn in die Ecke gestellt zu werden, weil dieser dem Gegner überlässt, was der Tölpel doch so gerne selbst gehabt hätte.

Wenn man von Märchen eins lernen kann, dann dies: Das Gute ist stärker als das Böse und gewinnt zum Schluss. Aber »Die Entführung aus dem Serail« ist ja nur fast, nicht wirklich ein Märchen. Wo sind die übernatürlichen Kräfte, wo ist die gute Fee, die alles zum Besten wendet? Zu dem Unglück, von Seeräubern gefangen genommen worden zu sein und von Machthabern, die Menschen für Besitzgegenstände halten, weiterhin in Unfreiheit gehalten zu werden, kommt das zweite Unglück, dass der möglich gewordene Befeiungsversuch kläglich scheitert. Nicht »die Entführung« sollte das Stück heißen, sondern »die misslungene Befreiung«. Aber die Märchen-Regel, dass das Gute siegen muss, funktioniert auch hier, wenn auch auf andere, neue, bessere Weise. »Entführen« wäre Gewalt, es darf nicht gelingen. Ein wirklich gutes Ende wird nicht durch Gewalt, auch nicht durch List herbeigeführt, sondern nur durch frei entscheidende Güte. Damit ist die Ebene des Märchens endgültig verlassen. Der Machthaber ist am Zuge: so ist das wirkliche Leben. Und an dieser Stelle haben die Textgestalter dieser Oper sich etwas Beachtliches einfallen lassen: Der Realpolitiker Selim schenkt den Deserteuren die Freiheit.

Wie kommt es dazu? Belmonte, beim Entführungsversuch ertappt, fleht um Gnade, meint, mit der Nennung seiner reputierlichen Familie beeindrucken zu können, sticht aber gerade damit in ein Wespennest: Sein Vater ist Selims Erzfeind, »er zernichtete mein ganzes Glück«, sagt Selim und wendet sich an den in seine Hand Gegebenen: »Elender Sklave: Zitterst du? Erwartest du dein Urteil?« Belmonte muss und will die »Rache« an dem »Unrecht, so mein Vater dir angetan«, auf sich nehmen. Selim aber sagt: »Nimm deine Freiheit«.

Die Begnadigung des Todfeindes ist neu. Noch in einer früheren Fassung des Singspiels war die Lösung gefunden worden, dass Belmonte sich als unehelicher Sohn des Bassa erweist und somit ein Motiv für eine Wendung vorliegt. In der Endfassung aber lautet das entscheidende Wort: »Sage deinem Vater …, es wäre ein weit größer Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Laster zu tilgen.« Das übertrifft, wie schon gesagt, selbst den Saladin aus Lessings Nathan. Dort wurde der Sultan gnädig gestimmt durch die Ähnlichkeit des zum Tode Verurteilten mit Saladins verschollenen Bruder, als dessen Sohn sich der Begnadigte dann auch tatsächlich erweisen wird. Mozarts Singspiel aber lässt ausgerechnet den nichtchristlichen Orientalen zu einer Ethik der Feindesliebe finden, wie sie im Neuen Testament gefordert wird. Dass diese Änderung erst in der letzten Fassung, also nach einem Entwicklungsprozess, in die Oper hereingekommen ist, bestätigt: Es geht in »Die Entführung aus dem Serail« nicht um irgendein Geschichtchen, das nur als Gelegenheitsbeschaffer für musikalische Einfälle zu dienen hätte, sondern Wolfgang Amadeus Mozart, zugleich Kind seiner Zeit und unangepasster eigener Kopf, hatte eine Botschaft zu verkünden, die dem Aufklärungsanspruch seines Jahrhunderts bestens ansteht. Der Weg dieser Botschaft zu den Herzen aber wird durch Mozarts unsterbliche Musik gebahnt.

Gerhard Weisgerber

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