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Zur Deutung des Märchens

Das Märchen spiegelt die schwäbische Volks-Seele wider; birgt diese doch zwei gegensätzliche Aspekte in sich: Auf der einen Seite haben die Schwaben etwas Fleißiges, Helles, Munteres, Bewegliches, Verspieltes, Gesprächiges, Poesieempfängl ich es, Erfinderisches, Neugieriges, Hilfsbereites und Biederes in ihrem Charakter; auf der anderen Seite gibt es den melancholischen, also schwermütigen und gefühlsbetonten, weichen Aspekt ihrer Seele. Die Seele ist in schizophrener Weise gespalten in diese beiden Aspekte. Sie sehnt sich nach Erlösung, nach einer Synthese des hellen aber biederen und des dunkel-wässrigen aber tiefgründigen Teiles ihrer selbst.

Die Lau befindet sich in Verbannung, abgetrennt von einem erfüllten Eheleben mit dem mondänen Donaunixen. Sie ist tiefgründig, fremd, edel und erotisch in vielen Schattierungen – aber ihr fehlt das Helle, das lustige, das Lachen, um ganz zu werden. Diesen Zustand symbolisiert im Märchen der merkwürdig tiefblaue Blautopf.

Was der Lau fehlt, kann sie von den zwar biederen und provinziellen, aber unterhaltsamen Menschen erhalten, die neben dem Blautopf wohnen. Mit deren Hilfe gelingt es schließlich, dass sie lachen kann und zu ihrem »Shalom«, ihrer unversehrten Ganzheit findet. die so stark ist, dass auch der Dcinaunix davon bezaubert ist und alle negative Einflüsterung fahren lassen muss. Und dies macht die Lau vollends vollkommen. Die Geschichte ist also die Vision einer Heilung. Die Synthese zwischen erotischer Gefühlstiefe und munterer Biederkeit kann aber für die Menschen (die Schwaben) nur ein Märchentraum sein: die Lau zieht mit dem Donaunix fort in die große weite Welt, nämlich die ferne große Donaumündung, und die Menschen bleiben in ihrer kleinen provinziellen Umgebung. Doch bleibt ein Schein des Glücks auf ihnen haften : die schöne Erinnerung des Kontaktes mit der fremdartigen schönen Wasserfrau – und deren Segen.

Der empfindsame Eduard Mörike versetzt aus romantischem Zeitgeist heraus die Welt zurück ins Mittelalter. Die Menschen sind noch direkt den Einwirkungen des Sinnlichen und Übersinnlichen preisgegeben. Ohne Schutz kann sie das Wasser des Blautopfs gefährlich überschwemmen, und unvermittelt erscheint die Lau als Wesen aus einer anderen Welt bei ihnen.
Wie Licht durch die bunten Fenster in den riesigen gotischen Kathedralen, so bricht die Unterwasserwelt in das Leben der Menschen ein, mit unsichtbar machenden Bleiloten, magischen Kreiseln, Rätselsprüchen, und eben der Erotik und den gefährlichen Kapriolen der schönen Wasserfrau. Die Menschen sind noch einfach und unbedarft. sie haben noch nicht den durch Renaissance, Humanismus und Reformation geformten rationalen und gefestigten Abstand zu Natur und Übernatürlichem. Es ist eine schwebende Welt, keine fest dimensionierte – und diese hat ihren großen poetischen, romantischen Reiz.

Was hat es nun mit dem Sprüchlein auf sich: »sleit a Klötzle Blei glei bei Blaubeura«? Das Klötzle Blei (eigentlich ein Felsen in Blaubeuren) symbolisiert, ebenso wie die Farbe Blau, Schwermut. Der Zungenbrecher, den sich die Blaubeurer Menschen haben einfallen lassen, spielt damit und macht das Schwermütige leicht: im Moment des Lachens. Das Sprüchlein trägt also im Kern und ganz konzentriert die ganze Erlösungsgeschichte in sich.

Hans-Christian Hauser

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