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Opera buffa und Commedia dell’Arte in den Werken Ermanno Wolf-Ferraris und Carlo Goldonis

»Vorausgesetzt, dass man die Verhältnisse im Sinne der Redlichkeit zu beeinflussen sucht, – ist es da nicht besser, die Herzen durch die Reize der Tugend zu gewinnen, als durch den Abscheu vor dem Laster? Wenn ich von Tugend rede, meine ich nicht jene heldische Tugend, die tränenreiche Reden hält. Die Schicksalsschläge, welche den tragischen Helden treffen, interessieren nur von Ferne. Doch Schicksalsschläge, die unseresgleichen treffen, müssen uns tiefer berühren. Die Komödie, die weiter nichts als eine Nachahmung der [menschlichen] Natur ist, schließt tugendhafte und ergreifende Gefühle keineswegs aus, vorausgesetzt, dass sie daneben jene komischen und witzigen Züge aufweist, die ihre Grundzüge bilden.« (Carlo Goldoni)

Goldoni, der vermutlich den Begriff Commedia dell’Arte im 18. Jahrhundert selbst prägte, reformierte die ehemals hochgelobte Improvisationskunst des Stegreiftheaters, welches jedoch bald zu einer starren Typenkomödie mit Konventionen und festen Formeln – anwendbar auf alle Typen und Situationen – mutiert war. In seinen Komödien schaffte Goldoni die festlegenden Maskenfiguren ab und erneuerte die Typen im Sinne realistischer Gestaltung bis hin zur Charakterkomödie.

Goldoni schreibt in seinen Memoiren über die Grobiane, die »rusteghi«: »Die Tatsache, dass es sich um vier gleiche Männertypen handelt, bedeutet nicht, dass die Charaktere die gleichen sind, sondern jeder von ihnen sich mit persönlichen Schattierungen zeigt.«

Anstatt in der Komödie Eintönigkeit zu verbreiten, stelle dies ein neues und recht unterhaltsames Bild dar. »Ich habe mit diesem Versuch gezeigt, dass diese Figuren unerschöpflich sind.« Goldonis Verfahren, das alles durchdringende Prinzip der Vielfalt in der Gleichförmigkeit, erzielt in »Die Vier Grobiane« einen Abwechslungsreichtum, wie es in den Maskenkomödien der Commedia dell’Arte unbekannt war. Die Figuren der vier Griesgrame werden zwar zunächst durch ihren Status als Wächter über die alten Zeiten bestimmt, doch sie verändern sich auf der Spielebene von Situation zu Situation.
Ermanno Wolf-Ferraris später Erfolg in Italien lag vor allem in der Vermittlung der Goldonischen Texte begründet. Die heitere melodische Anmut machte den auf Lokalkolorit abgestürzten Dialekt der Dialoge salonfähig.

Es war keineswegs sicher, dass sich angesichts des unaufhaltsamen Redeflusses der Dialoge die Goldonische Komödie so einfach auf die Opernbühne übertragen ließe. Doch Giuseppe Pizzolato, Wolf-Ferraris Librettist, übernahm den größten Teil des Originaldialoges, »den der Komponist in der Art Wagners mit Rezitativen in freiem Metrum unterlegt, die sich über einem instrumentalen Kontinuum entwickeln.

Die innere Logik, welche die Handlung und die originalen Figuren bei Goldoni auszeichnet, verwandelt sich so in eine Ambiente-Malerei. Die Lagunennebel der Barkarole und der Gavotte vom Anfang – die beiden Hauptthemen der Oper – umhüllen das Menschliche der Figuren und reduzieren die Handlung zu einem reinen Vorgang. Und doch ist es genau diese Transformation von innerer Logik zu Atmosphäre, welche dem Opernpublikum, welches kaum bereit war, sich vom dichten verbalen Intellektualismus des Originals belästigen zu lassen, den Genuss von Goldonis Text erst möglich machte.«
(Gioacchino Lanza Tomasi)

Die Opera buffa verkörperte einst den Geist einer Epoche im 18. Jahrhundert, welcher die Fröhlichkeit ohne vulgäre Entartung liebte. Die Libretti der besten italienischen Buffo-Opern stammten von großartigen Komödienautoren wie eben Carlo Goldoni, Girolamo Gigli, Casti und Raniere Calzabigi. Sie besaßen die Kultur und Geistestiefe eines Moliere oder Beaumarchais. Die Stärke der Komik der Buffo-Opern liegt auch heute noch in ihrer Authentizität. Im wahrhaft Menschlichen steckt der Kem aller echten Musikdramatik. Das gilt sowohl für die heitere als auch für die ernste Musik.

»Als ich immer bewusster dahinter kam, dass wir alle mehr oder weniger als sichtbare Menschen der Komik angehören, der unsichtbare Mensch aber der Tragik, da wurde mir der scheinbare Widerspruch klar. Nur das, was man niemals zeigt und was keine Stimme hat, sich kundzutun, fand ich absolut ernst. – Die Erde könnte schöner sein unter Menschen, die sich alles darum verderben, weil für sie nur der äußere Mensch (…) ‚wirklich’ ist. Das ist aber nicht der wirkliche Mensch.«

»So paradox es klingen mag, im Grunde zwang mich das Religiöse, die Welt komisch zu sehen! Und das spürt man auch in meinen komischen Opern. Es ist überall Gott darüber. Er lacht nicht -sondern er liebt!« (Ermanno Wolf-Ferrari in einem Brief an Carola Grisson, 1940)

Anna Rohde-Seyfried

Anmerkungen:
Die Zitate von Ermanno Wolf-Ferrari entstammen der Briefauswahl, herausgegeben von Wolf-Ferraris Schüler Mark Lothar, erschienen im Münchner Langen-Müller-Vertag 1982.
Die Zitate von Carlo GoWoni entstammen seiner Biografie sowie aus dem Vorwort zum Originaltext
Das Zitat von Gioacchino Lanza Tomasi ist mit freundlicher Genehmigung aus dem Programmheft des Opernhauses Zürich, Spielzeit 2002/2003 zu der Premiere der I Quattro Rusteghi am 22.09.2002, entliehen.

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