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Die Arbeit an Falstaff nach Shakespeare und Boito

William Shakespeare gehörte schon immer zu den Lieblingsdichtern Verdis. Auch Macbeth, heute eine seiner bedeutendsten Partituren aus der früheren Schaffenszeit, hat ein Stück des berühmten Engländers zur Grundlage. An Shakespeares Drama fesselte Verdi vor allem die große Kunst der Menschengestaltung. Er sah in Shakespeare einen Geistesverwandten, der für ihn »der große Meister des menschlichen Herzens« bedeutet.

Verdi hat sich immer wieder mit Shakespeares Werken auseinandergesetzt. Nach dem damaligen Misserfolg von Simon Boccanegra hielt er nach einem neuen Operntext Ausschau und dachte zuerst an König Lear. Doch er hatte zu wenig Zeit zur Verfügung, um eine Oper mit derartigem Sujet schreiben. Und es entstand der Maskenball.

Eine Zäsur in Verdis Opernschaffen kann man ohne Umschweife nach der Entstehung von Aida im Jahr 1870 erkennen. Ursprünglich wollte sich Verdi auf sein Landgut zurückziehen und keine weitere Oper mehr komponieren.

Doch er rechnete nicht mit Arrigo Boito, von dem er die Libretti zu Othello und auch zu Falstaff erhielt. Boito war ein Meister seines Fachs, der es  verstand, aus Shakespeares Geist literarisch anspruchsvolle Libretti entstehen zu lassen und nicht nur »librettistische Gebrauchsware«, wie Verdi sie bisher zur Verfügung hatte.

Somit war es sehr wohl eine große Überraschung für das Publikum, dass 16 Jahre nach der Aida eine neue Oper von Maestro Verdi ihre Premiere an der Mailänder Scala haben sollte: Verdis Othello. Als man im Anschluss hörte, dass Verdi zudem eine komische Oper, gemeint ist Falstaff, schreiben würde, war das Erstaunen umso größer. Bisher hatte der Meister, wenn man von einem missglückten Versuch (Un giorno di regno) im Alter von 27 Jahren absieht, nur Werke mit ernstem Hintergrund komponiert.

Verdi suchte nach eigenem Bekunden immer wieder nach einem geeignetem Libretto für eine komische Oper. 1850 war Shakespeares »The Tempest« im Gespräch, 1868 Molieres »Le Tartuffe«. Dennoch scheint es, als sei die Triebfeder für Falstaff, zumindest anfangs, weniger Verdi selbst gewesen als vielmehr Boito. Jedenfalls fehlt jedes Zeugnis dafür, dass Verdi die Librettoskizze, die ihm Boito Ende Juni 1889 schickte, in Auftrag gegeben hatte. Wann genau Verdi mit der Komposition begann, ist nicht bekannt, doch der durch Boitos Skizze ausgelöste Enthusiasmus deutet darauf hin, dass Verdi zumindest einzelne Vorskizzen bereits im Herbst 1889 niederschrieb. Nach der Komposition des ersten Aktes setzte eine der großen Pausen ein, die für den Entstehungsprozess der Komposition des Falstaff charakteristisch sind. Wie es scheint, schrieb Verdi das Werk nicht aus souveräner Haltung heraus und mit lockerer Hand. Ob die Gründe dafür nur in seinem hohen Alter zu suchen sind, muss offen bleiben, doch zweifelte Verdi immer wieder daran, dass er das Werk zum Abschluss bringen werde.

Dass ihm die Arbeit nicht leicht fiel, ist auch an der Sprunghaftigkeit, mit der sie sich vollzog, ablesbar. Anfang Oktober 1890 ließ Verdi den zweiten Akt liegen und schrieb stattdessen den zweiten Teil des dritten Aktes. Dann trat wieder eine mehrmonatige Pause ein, und bevor die übrigen Teile komponiert wurden, machte sich Verdi bereits an die Niederschrift der Partitur. Diese kam im Herbst 1892 zum Abschluss.

Verdi stellte es schon während der Arbeit immer wieder so dar, als schreibe er die Oper nur für sich und denke nicht an deren Aufführung. Dass er sehr wohl daran dachte und – wie fast stets zuvor – bei der Gestaltung der Rollen bestimmte Sänger vor Augen hatte, beweist die Tatsache, dass das Solo der Mrs. Quickly zu Beginn des vierten Bildes eigens für deren erste Darstellerin Giuseppina Pasqua eingefügt wurde. Auch bestehen wenig Zweifel daran, dass für Falstaff von Anfang an Victor Maurel vorgesehen war.

Falstaff ist das einzige Meisterwerk Verdis auf dem Gebiet der musikalischen Komödie und in jeder Hinsicht ein Ausnahmewerk in Verdis Schaffen. Er greift hier auf die Opera Buffa zurück, und doch ist es mehr als eine Buffa. Es dominiert nicht die Situationskomik und das ständig fließende Parlando, großartig umgesetzt vor allem in den Ensemblestücken, sondern die Situationskomik ist mit Charakterproblemen verbunden. Es ist die überragende Gestalt des  Titelhelden Falstaff, die im Mittelpunkt der musikalischen Charakteristik steht. Besonders Falstaffs Monologe im ersten und dritten Akt, in herausragender Weise vor allem der Monolog über die Ehre, gehören zu den Kostbarkeiten der Partitur.

Die Musik ist oft von einer geradezu rokokohaften Zartheit und lässt das Orchester mit einer Intimität musizieren, wie man sie in früheren Werken Verdis kaum entdeckt. Sicher spricht im Falstaff das schon hohe Alter des Komponisten eine ganz eigene Sprache. Lebenserfahrung und Zerbrechlichkeit, das Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit lassen in Verdi eine ganz neue Schaffensart entstehen. Die große satztechnische Kunst des Meisters dokumentiert sich in der Schlussfuge, mit der Verdi
sein Opernschaffen abschließt.

Es gibt nicht viele musikalische Komödien in der Opernliteratur. Falstaff nimmt darin sicher einen besonders hervorragenden Platz ein, war er doch musikalische Anregung für Wolf-Ferraris musikalische Komödien und auch Puccinis Gianni Schicchi, den wir im 2003 auf der Bühne in Isny bewundern konnten.

Carmen Fiedler

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