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Piotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) »Jolanthe«

Festival 2003 - Skizze zu Neutrauchburg »Jolanthe«Tschaikowsky wählte für den Großteil seiner insgesamt zehn Opern national geprägte Themen. Die drei Ausnahmen stellen »Undine« (1869), deren Partitur Tschaikowsky vernichtete, »Die Jungfrau von Orleans« (1879) und schließlich »Jolanthe« dar. Als letzte Oper des Komponisten unterscheidet sich »Jolanthe« vor allem durch zwei Aspekte von den vorangegangen szenischen Werken. Zum einen atmet Jolanthe einen optimistischen Tonfall, in dem sich Leid und Konflikte zum »Happy End« auflösen, zum anderen hebt sich das Bühnenwerk durch seine Kürze von Tschaikowskys übrigen Opern ab.

Die Handlung von »Jolanthe« ist dem Theaterstück König Renes Tochter (1845) des dänischen Dramatikers Henrik Hertz nachempfunden. Es wird vermutet, Hertz habe die Geschichte einem Märchen von Hans Christian Anderson entlehnt. Tschaikowsky hatte die russische Übersetzung von König Renes Tochter im Jahr 1883 gelesen und beschloss, als ihm das Stück 1888 erneut durch Aufführungen in Moskau begegnete, die märchenartige Thematik zu vertonen. Mit dem Libretto wurde sein Bruder Modest beauftragt, der schon den Text zu »Pique Dame« verfasst hatte. Ende des Jahres 1891 war die Partitur schließlich vollendet, so dass die Uraufführung ein Jahr später im Mariinski-Theater in St. Petersburg stattfinden konnte.

Im Zuge der Bearbeitung für die Oper wurden die theologischen und metaphysischen Aspekte des Dramas in gewisser Weise vereinfacht; dennoch stehen innere Vorgänge und Entwicklungen im Zentrum des Geschehens. Dabei zeigt sich eine deutliche Verwandtschaft von Tschaikowskys Vorstellung der Heilung durch Liebe und Wagners Gedanken der Erlösung durch Liebe. Die Oper erfährt eine starke religiöse Prägung, indem die Heilung Jolanthes mit der umfassenden Erkenntnis Gottes gleichgesetzt wird. In der Sowjetunion stieß der christliche Tonfall auf Unbehagen – so wurden kurzerhand religiöse Wörter des Originals wie beispielsweise »Gott« durch neutralere Begriffe wie »Licht«, »Natur« oder »Erkenntnis« ersetzt.

Tschaikowskys Vertonung des Märchenstoffs bietet interessante musikalische Besonderheiten: Jolanthes Blindheit und ihre Heilung auf Musik übertragend, entwickelte der Komponist ein harmonisches Konzept, in dem gedämpfte B-Tonarten mit dem schließlich strahlenden C-Dur des Finales – als symbolischer Weg von Dunkelheit zu Licht – kontrastieren. Die Einleitung des Orchesters ist zudem auf wenige Instrumente, Holzbläser und Hörner, reduziert und scheint in ihrer kammermusikalischen Disposition das Pendant zur Abgeschiedenheit des verbotenen Gartens darzustellen, von dem aus die innere Entwicklung der Protagonistin ihren Lauf nimmt.

Lucie Fenner

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