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Entstehungs- und Aufführungsgeschichte von »The Fairy Queen«

Die barocke Oper »The Fairy Queen« von Henry Purcell wurde erstmals 1692 in einer aufwendigen Inszenierung der Queen’s Theatre Company, wahrscheinlich als Geburtstagspräsent für Queen Mary, aufgeführt. Im folgenden Jahr wurde das Werk wieder aufgenommen, mit »Änderungen, Zusätzen und neuen Gesangsnummern«, wie der Herausgeber des Textbuches schrieb. Dieses Textbuch verursacht heute noch Kopfzerbrechen, denn es zeigt im Vergleich zum Autograph Purcells (einer Art Direktionspartitur) zahlreiche Diskrepanzen. Stücke, die im Textbuch vorhanden sind, fehlen in der Partitur und umgekehrt. Auch bezüglich der Reihenfolge bestehen zahlreiche Widersprüche, was die Zuordnung der einzelnen Stücke erschwert.

Bald nach der Aufführung von 1693 verschwand des Werk vom Spielplan. Kurz nach dem Tod von Purcell ging zudem die originale Partitur verloren, die erst um 1903 in der Royal Academy of Music entdeckt und von der Purcell-Gesellschaft veröffentlicht wurde. So blieb es nach einer konzertanten Aufführung um 1703 durch Jahrhunderte hindurch still um die »Fairy Queen«.

Die erste Wiederaufführung erfolgte 1964 in Schwetzingen, und bereits 1965 wurde »The Fairy Queen« am Münchner Gärtnerplatztheater unter der Regie von Jean-Pierre Ponnelle gezeigt. Bis 1978 kam es zu 92 Aufführungen. John Eliot Gardiner dirigierte 1981 bei den Händel-Festspielen in Göttingen eine Aufführung. 1989 folgten »Les Arts Florisssants« mit einer Inszenierung in Aix-en-Provence und 1997 gab es eine Aufführung im schweizerischen Thalwil. Als Freilichtaufführung am Waldrand und im Geist der Aufführungen am Ende des 17. Jahrhunderts. Damals war ein solches Spiel, das mit Musik, Theater und Tanz alle Sinne reizte, beinahe ein multimediales Spektakel. Und nun erweckt die Isny-Oper vor der Kulisse des Neutrauchburger Schlösschens »Fairy Queen« zu neuem Leben.

Fritz Hartmann

Henry Purcell (1659-1695)

Um das Jahr 1659 kam Henry Purcell in London als Sohn einer Musikerfamilie zur Welt. Mit zehn Jahren wurde er Chorsänger in der Königlichen Kapelle, dort erkannte man bald seine musikalische Begabung, und er wurde zum Organisten ausgebildet. 1679 übernahm er die Organistenstelle seines Lehrers John Blow an der Westminster Abbey. 1683 wurde er Hofkomponist, der Staatskantaten, Welcome Songs zu Krönungsfeierlichkeiten und vieles andere zu komponieren hatte.
Henry Purcell betätigte sich in allen Gattungen und Besetzungen, und seine Werke bildeten einen Höhepunkt der frühen englischen Musik. Purcell verband die weitentwickelte Polyphonie des Elisabethanischen Zeitalters und den von ihm meisterhaft beherrschten Kontrapunkt mit dem italienischen Operngesang und der französischen Chortechnik. Schon zu seinen Lebzeiten erschienen viele seiner Werke im Druck und man nannte ihn »Orpheus Britannicus«.

Sein dramatisches Schaffen begann 1680. Zu etwa 50 Schauspielen schrieb Purcell die Musik, darunter auch Bühnenmusiken zu einigen Werken Shakespeares, beispielsweise zu »Richard III«, »Timon von Athen«, »Der Sommernachtstraum« oder »Der Sturm«. Es handelte sich freilich meist um Einlagen, nur in vier Werken – auch »The Fairy Queen« gehört dazu – nimmt Purcells Musik größeren Platz ein. Die einzig wirkliche Oper »Dido und Aeneas« schrieb Purcell als Gelegenheitsarbeit für ein Mädchenpensionat. Dieses Werk belegt Purcells Gebrauch von Chromatik und Dissonanz als dramatische Ausdrucksmittel sowie seine Fähigkeit zur Schaffung eines Deklamationsstiles, der dem Wesen der englischen Sprache gerecht wird.

Henry Purcell starb am 21. November 1698 in London, wie Mozart im Alter von 36 Jahren. Die Witwe veröffentlichte 1699 einen Band mit Arien aus seinen Bühnenwerken und Oden, später auch Instrumentalwerke. Eine Gesamtausgabe in 25 Bänden erschien seit 1878. Nach dem Tode Purcells kam das britische Musikleben beinahe zum Erliegen. Während die Schriftsteller der Insel große Erfolge fe ierten, wurde die Musik von europäischen, vor allem von deutschen Musikern, wie beispielsweise Georg Friedrich Händel, geprägt. Erst 200 Jahre nach Purcell errang mit Edward Elgar erstmals wieder ein britischer Komponist allgemeine Anerkennung und Popularität.

Fritz Hartmann

Die englische Oper im 17. Jahrhundert

Die Rückkehr Charles II. 1660 nach London und die Wiederherstellung der Monarchie führte zur Wiedereröffnung der Theater, die während der Regierungszeit Cromwells geschlossen gewesen waren. Zur Aufführung gebracht wurden Stücke von älteren Dramatikern wie Beaumont und Fletcher und natürlich von Shakespeare. Man veränderte diese Stücke jedoch erheblich, vor allem die Sprache wurde als zu »derb« und »ungeschliffen« angesehen. Den musikalischen und tänzerischen Elementen wurde mehr Raum gegeben, so daß es zu Theaterstücken kam, deren Gesangs- Tanz- und Instrumentalmusikpartien allein bis zu zwei Stunden in Anspruch nahmen, die gesamte Aufführung dauerte bis zu vier Stunden.

Diese Stücke können trotz eines großen Aufgebots an Sängern und Instrumenten nicht wirklich als Oper bezeichnet werden, da die eigentliche Handlung nicht die Musik, sondern der gesprochene Dialog vermittelte. Sämtliche Hauptrollen wurden gesprochen. Vom Schriftsteller Roger North stammt der Begriff »Semi-Oper«, um diese Zwittergebilde zu beschreiben.

Von maßgeblichem Einfluß auf diese »Semi-Oper« ist die höfische »Masque«, eine szenische Gattung, in der auf der Bühne mit oder ohne Musik deklamiert wurde und die in Verbindung mit dem höfischen Ballett stand. Der zweite maßgebliche Einfluß ist das französische Hofschauspiel a la Moliere in Verbindung mit Musik, das Charles II. durch sein Exil am Hof Ludwigs XIV. in Frankreich vertraut war. Stoffe für diese mit Musik angereicherten Stücke waren sehr häufig die Dramen Shakespeares, eines der frühesten Beispiele ist die Semi-Oper »The Tempest« von Matthew locke, der wohl einer der Lehrer von Purcell war.

Es waren zwei Techniken, mit denen die Gesangspartien in das gesprochene Stück eingebaut wurden. Zum einen sollte unwichtigeren »natürlichen« Figuren wie Bauern oder Gefolgsleuten die Möglichkeit gegeben werden, sich in Liedern oder Gesangsszenen darzustellen. Zum anderen waren es Figuren von übernatürlichem oder allegorischem Charakter, die in der Regel eine der natürlichen Figuren den anderen zur Unterhaltung vorführen läßt. Fast alle längeren Gesangspartien von »Fairy Queen« gehören dieser Gruppe an.

Die Semi-Oper der Restaurationszeit ist sehr vielfältig, in ihr vereinen sich die beiden Hauptträger des frühen englischen Dramas – das gesprochene Stück, das mit oder ohne Musik in öffentlichen Theatern aufgeführt wurde, und die Court Masque mit ihren sorgfältig ausgearbeiteten Gesangs- und Instrumentalmusiken und Elementen der französischen und italienischen Oper. Die englische Oper geht damit einen eigenen Weg, der sich von den zeitgleichen Musikdramen des europäischen Kontinents unterscheidet.

Gabriele Lotz-Seidel

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