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Festival 2001 - Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) »Figaros Hochzeit«»Figaros Hochzeit« – Entstehung und Deutung
Aufregend war die Vorgeschichte zu »Figaros Hochzeit«. Schwierigkeiten gab es vor allem mit dem Stoff. Pierre Augustin Caron genannt de Beaumarchais hatte nach dem »Barbier von Sevilla« 1781 die politisch-satirische Komödie »La falle journee ou le mariage de Figaro«, »Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro« vollendet. Die Aufführung wurde von der französischen Zensur verboten. Angeblich wegen des obszönen, in Wahrheit wegen des revolutionären, krass antihöfischen Inhalts. 1783 kam es zu einer Privataufführung. 1784 startete dann die öffentliche Uraufführung in Paris. Mit sensationellem Erfolg.

In Wien dachte zwar niemand an Revolution, doch Kaiser Joseph II. mochte nicht mit dem Feuer spielen. Als Schikaneder 1785 eine »Figaro«-Übersetzung inszenieren wollte, ließ er ihm das Theater schließen.

Ausgerechnet dieser brisante Stoff reizte Mozart zu einer neuen Oper. Er schlug dem Hofdichter des Kaisers, Lorenzo da Ponte, vor, daraus ein Libretto zu schreiben. Da Ponte war damit einverstanden, empfahl aber, nur im geheimen an dem gemeinsamen Werk zu arbeiten. Man müsse einen günstigen Augenblick abwarten, in dem der Kaiser die Erlaubnis zur Aufführung erteilen würde.

Lorenzo da Ponte ging mit deutlicher Vorsicht an den Stoff heran. Er milderte die politischen Akzente. Für die Erfordernisse der Komposition kürzte er Personal und Handlung. Einige Hinzufügungen, besonders für die Arien, dienten dazu, die Charaktere der Personen zu vertiefen und realistisch menschlich zu verdeutlichen.

An seiner »Commedia per musica«, wie es im Erstdruck der Partitur heißt, oder seiner »Opera buffa«, wie er sie in seinem Werkverzeichnis nannte, arbeitete Mozart rund sechs Monate von Oktober 1786 bis April 1787.

Der Kaiser soll die Genehmigung zur Aufführung erst gegeben haben, nachdem ihm da Ponte versichert hatte, dass nichts Unschickliches auf der Bühne geschehen oder gesagt würde. Mozart musste ihm einige Stücke vorspielen, damit sich Seine Majestät von der musikalischen Qualität überzeugen konnte.

Doch die Gegner des Komponisten machten bei der Einstudierung der Oper eine Schwierigkeit nach den andern. Vater Mozart glaubte an Intrigen. Erwiesen ist der Vorfall, dass der Intendant des Burgtheaters den Hochzeitstanz im 3. Akt verbieten wollte. Der Kaiser musste befehlen, dass für das Ballett Tänzerinnen von anderen Wiener Theatern engagiert wurden.

Die Uraufführung war am 1. Mai 1786 in Wien. Mozart leitete sie vom Cembalo aus. Über den Erfolg widersprechen sich die Berichte. Gerüchte wollen wissen, die Sänger hätten absichtlich falsch gesungen, aber möglicherweise lag es nur an den zu kurzen Proben. Schon bei der zweiten Vorstellung mussten fünf, bei der dritten sogar sieben Stücke wiederholt werden.

Ihren großen Durchbruch erlebte die Oper bei der Prager Erstaufführung am 20. Dezember 1786. Das Publikum war begeistert. Mozart berichtete im Januar 1787 nach Wien: »Denn hier wird von nichts gesprochen – als vom Figaro, nichts gespielt, geblasen, gesungen und gepfiffen – als Figaro, keine Oper besucht als Figaro gewiß große Ehre für mich.«

Auf dem Plakat der Uraufführung hieß es noch: »ein italienisches Singspiel«. Aber schon 1787 wurde »Figaros Hochzeit« in deutscher Sprache auf der Bühne gesungen. In der Folge erschienen zahlreiche Eindeutschungen. Bis heute sind sich die Gelehrten nicht einig, wie Mozart selbst seinen »Figaro« verstand. Als einen Affront gegen Hof und Adel? Nein, meint Hermann Abert. Politische und soziale Fragen wären für Mozarts künstlerischen Sinn Schall und Rauch gewesen. Ihn hätte nicht eine bestimmte staatliche Ordnung interessiert, sondern nur die Menschen, die ihr angehören. Regisseure, vor allem moderne, sind da ganz anderer Meinung. Sie schreiben »Figaros Hochzeit« eine eindeutige politische Komponente zu.

Wie dem auch sei: Mozarts Musik gibt der textlichen Vorlage die Dimension einer menschlichen Komödie mit tragischen Zügen über die Liebe. Die Typen der Opera buffa sind zwar erkennbar, aber das wichtigste Merkmal bildet die Charakterisierung aller Einzelpersonen bis hin zu den kleinen Rollen.

Zur Erinnerung, um was es geht, die Fabel in Kürze: Graf Almaviva, vernarrt in Susanna, die Kammerzofe der Gräfin, will seinem Kammerherrn die Einwilligung zur Hochzeit erst geben, wenn diese ihm ein Schäferstündchen gewährt. Der Graf besteht also auf seinem »Herrenrecht«. Figaro im Bunde mit der Gräfin und mit Susanna, tritt ihm entgegen. Nicht im offenen Kampf, das Schäferstündchen wird durch pikante Intrigen vereitelt und alles zum guten Ende gebracht. Einbezogen in dieses Spiel um Politik und Liebe sind viele Randfiguren, darunter Cherubin, Marzilline, Bärbchen, Bartolo und Basilio. Verwechslungsszenen würzen die Handlung, die in einem tollen Wirbel kleiner und kleinster Ereignisse vorüberzieht.

Vom Musikalischen und Operngeschichtlichen her ist »Figaros Hochzeit« wirklich eine »Commedia per musica«, also eine Komödie durch die Musik. Es ist die erste »durchkomponierte« Musik-Komödie der Geschichte: Kein Detail steht mehr isoliert. Eines entsteht aus dem anderen in unaufhörlicher Bewegung, und doch hat jede Figur ihr unverwechselbares Profil und ihre charakteristische Funktion im dramatischen Organismus. Arie und Ensembles stehen im gleichgewichtigen Verhältnis. Einen Höhepunkt stellt das Finale des zweiten Aktes dar, in dem das Neben- und Ineinander verschiedener Personen auf die Spitze getrieben ist. Die Arien reflektieren nicht wie üblich die Handlung, sondern sind in die Handlung integriert und fallen durch ihre ungewöhnliche Form aus jedem Schema.

Noch ein Wort über die Ouvertüre zu »Figaros Hochzeit«: sie ist die einzige Ouvertüre aus Mozarts reifer Zeit, in der kein Material aus der Oper selbst verwendet wird. Was lag in Mozarts Absicht? Eine Milieuschilderung der Oper? Eine Zeichnung von Figaros Charakterbild? Man kann es interpretieren wie man will. Offensichtlich bleibt, dass Mozart hier seinen höfischen Librettisten entschieden überspielt hat. Er konnte seinem Herzen hemmungslos Luft machen, ohne in Konflikt mit dem Adel zu geraten. Und so ist die Ouvertüre von einem mitreißenden revolutionären Geist erfüllt. Ganz im Sinne des Bürgers und Freigeistes Beaumarchais.
Über die revolutionären Ideen am Vorabend der Französischen Revolution hinaus ist und bleibt »Figaros Hochzeit« die Oper vom Recht des einzelnen, nur an sich selbst und an den ihm vertrauten Konventionen, Traditionen und Gesetzen gemessen zu werden.

Fritz Hartmann

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