skip to Main Content

Festival 1996 - Manuel de Falla (1876-1946) »Meister Pedros Puppenspiel« und »La Vida Breve«Manuel de Falla (1876-1946)
El Retablo de Maese Pedro -Meister Pedros Puppenspiel
Musikalische und szenische Bearbeitung einer Episode aus
»Der sinnreiche Junker Don Quichote von der Mancha«
von Miguel de Cervantes

Wie ist das Stück entstanden?
Für das Marionettentheater der reichen Prinzessin de Polignac in Paris hatten schon Igor Strawinsky und Eric Satie eigens kleine Werke komponiert: »Renard« und »Humoristische Oper über ein russisches Märchen«. Ende 1918 gab die Prinzessin Manuel de Falla nun ebenfalls einen solchen Kompositionsauftrag. Dieser wählte dafür eine Episode aus dem II. Band des »Don Quichote«, in dem ein solches Marionettentheater vorkommt. Zunächst dachte er, daraus ein einfaches Unterhaltungsstück zu machen. Doch dann entstand ein ausgefeiltes, komplexes kleines Meisterwerk: »la obra en la que he puesto mas ilusion«, wie er am 20. Februar 1923 an die Prinzessin schreibt: »das Werk, in das ich die meiste Fantasie hineingelegt habe«. Am 25. Juni 1923 war die Uraufführung im Palais des Polignac in Paris. Die damals berühmte Cembalistin Wanda Landowska spielte den Cembalopart. Die Aufführung war ein großer Erfolg, und auch das internationale Echo war stark. Das Stück erreichte in kurzer Zeit große Aufführungsziffern durch Aufführungen in London, Venedig, Zürich und vielen anderen Städten.

Welchen Stil hat die Musik?
Mit dem ersten Weltkrieg war die Epoche des Plüsch, Pomp und Pathos zu Ende gegangen und parallel dazu die des rauschenden, aufgeblähten, spätromantischen Orchesterapparats. Man sehnte sich nach einer »Echtheit« wie der des Barock, nach einer klaren Linearität wie in der mittelalterlichen Musik, nach Sachlichkeit statt Gefühlsüberschwang.
Manuel de Ealla reduzierte das Orchester von den prächtigen Tänzen im Ballett »Dreispitz« auf ein Kammerensemble in »Meister Pedros Puppenspiel«: nur drei Gesangspartien gibt es hier. Im Orchester dürfen nur zwei erste Violinen, zwei zweite Violinen, zwei Violen, ein Cello, ein Kontrabaß und wenige Bläser spielen. Die Verwendung eines Cembalos und einer Laute (oder Harfe) gibt einen Anflug von »alter« Musik. Schlagzeug kombiniert mit Oboen, Flöten, erinnert an mittelalterliche Stadtpfeifer, kombiniert mit Trompeten an kaiserliche höfische und kriegerische Fanfaren. Cembalo wird auch für Pferdegalopp eingesetzt. Die voneinander unabhängige Linienführung verschiedener Instrumente, durch die de Falla sich einen eigenen Stil moderner Freitonalität schafft, hat es im Mittelalter schon einmal gegeben. Intime Lautenmusik wechselt mit der leiernden Rezitation des Ausruferjungen.
Einzig Don Quichote bedient sich schwärmerischen Schöngesangs, der etwas von Minnesang hat, wenn er seine imaginäre Braut Dulcinea besingt und die tapferen Ritter des Mittelalters. In konzentriertester und meisterhaft durchdachter Weise werden die Motive und Rhythmen eingesetzt und die Bilder im Theater mit der Welt der Personen außerhalb des Theaters kombiniert.

Zwischenspiele
Die Konzeption von »Meister Pedros Puppenspiel« könnte inspiriert sein von der spanischen Gattung »Zwischenspiele«: Zur Zeit von Lope de Vega und Cervantes versteht man unter den »Zwischenspielen« (Entremes) einen burlesken Einakter, der in der Pause zwischen zwei Aufzügen eines Schauspiels gegeben wird, mit diesem Schauspiel aber nichts zu tun hat. Das Publikum vergißt den Umbau auf der Bühne, und die Schauspieler können – sofern sie nicht am Zwischenspiel beteiligt sind, das jedoch mit sehr wenigen Personen auskommt – sich eine kleine Ruhepause gönnen. Es muß bei solchen Zwischenspielen oft sehr roh und grob zugegangen sein. Der ganze Handlungsablauf zielt auf eine große Prügelei gegen Schluß der dramatischen Einlage ab. Einige »Zwischenspiele« aber, darunter alle acht des Cervantes, gelten als wahre Meisterwerke der dramatischen Kleinkunst. Die kurze Spieldauer erfordert eine rasche Entfaltung der Charaktere, die, was zur Stilgesetzlichkeit des Genres gehört und diesen volkstümlichen Charakter ausmacht, meist aus dem niederen Volk kommen.

Zur Gestalt des Meister Pedro
»Maese« Pedro, die volkstümliche Form für »Maestro«. Das Wort Meister bezeichnet einen Menschen, der in seinem Fach den höchsten Grad erreicht hat. Dies gilt auch im künstlerischen Bereich. Insbesondere die italienische Form Maestro bezeichnet einen hervorragenden Künstler. Auch in Deutschland gibt es die »Nürnberger Meistersinger«. Meister Pedro versteht sein Handwerk als Puppenspieler – er bewältigt komplizierte Szenen mit vielen Puppen gleichzeitig. Außerdem ist er »Patron«, Besitzer seines »Unternehmens«, das allerdings nur einen einzigen Gehilfen hat und selbstverständlich zahlreiche Puppen sowie eine transportable Puppenbühne. Er zieht von Ort zu Ort, von Gasthaus zu Gasthaus.

Zur Gestalt des »Ausrufers« (trujaman)
»Trujaman« bedeutet so viel wie Dolmetscher. Erklärer. In Cervantes Zwischenspiel »Das Wundertheater« sprechen die beiden Theaterleute Chirinos und Chanfalla miteinander über einen solchen Ausrufer:
Chirinos: »…Aber sage mir, wozu dient der Knirps, den wir eingestellt haben? Könnten wir beide nicht allein mit diesem Unternehmen fertig werden?« Chanfalla: »…Wir haben ihn so nötig wie das tägliche Brot. Er muß in den Pausen zwischen dem Auftreten der Figuren unseres Puppcnspicls musizieren”. Chirino: »Ein Wunder wird es sein, wenn man uns nicht steinigt, bloß dieses Knirpses wegen; denn ein solcher Wechselbalg ist mir in allen Tagen meines Lebens nicht vorgekommen«. Der Knirps tritt auf. Knirps: »Gibt es in dieser Ortschaft etwas zu agieren, Herr Direktor? Ich sterbe vor Ungeduld. Euer Gnaden zu zeigen, daß Ihr Euch keine unnütze Last an mir aufgeladen habt«. Chirinos: »Ein halbes Dutzend solcher Bürschchen gibt noch keine Handvoll, geschweige denn eine Last. Wenn Du als Musiker nicht größer bist denn als Mensch, so machen wir schöne Geschäfte«.

Ritterspiele
Meister Pedro trifft den Publikumsgeschmack, indem er Ritterspiele aus der Zeit der Kreuzzüge vorführt. Das Publikum genießt die Ritterlichkeit, die es jetzt, im 16. Jahrhundert, nicht mehr gibt: jetzt entscheiden Kanonen den Kampf und nicht mehr Tapferkeit, und die den Titel Ritter führen, leben ein verweichlichtes Leben in der Hauptstadt oder ein verarmtes und ödes Leben auf dem Lande. So will man wenigstens auf dem Theater »Wunder« sehen. Am besten kommen die dramatischen Bilderbogen an, die das Seltsamste und Unerhörteste, das die bekannte und unbekannte Welt auf der Bühne zu bieten hat, auf der Bühne präsentieren. Dabei kann so ein Reise-Theaterchen freilich nur auf höchst begrenzte Mittel zurückgreifen. So heißt es in Cervantes »Wundertheater«: Benito: »Dieser Direktor hat wenig Geräte für solch ein großes Stück”. Juan: »Es muß eben alles mit Wundern zugehen”. Chanfalla (Direktor): »Achtung, meine Herren, jetzt fang ich an, und wohlgemerkt, die Puppen treten in Lebensgröße auf…«

Back To Top