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»Feuervogel« und »Die Nachtigall« – Eine Interpretation

Obwohl die beiden Werke im gleichen Zeitraum (1910-1914) entstanden oder zumindest begonnen worden sind, ist ihre Musik von völlig verschiedenem Charakter.

»Feuervogel« ist mitreißend, feurig, temperamentvoll; zeitweise bricht die rhythmische Kraft roh hervor; die zarten Passagen sind Reigentanzrhythmen oder romantisch und flehend.

»Die Nachtigall« ist voll von lyrischen Melodien und Stimmungen. Impressionistisch sind die Zartheit des Gefüges und die chinesischen Klänge der Auftrittsmusiken.

So erscheint es mir, man könne das Stück »Feuervogel« als Gleichnis für die Welt des jungen Menschen sehen: dem Prinzen begegnen verzauberte Welten, gegnerische, brutale Mächte, gegen die er sich durchsetzen muß, um seine Prinzessin zu erobern und sein Glück und seine Stellung zu finden. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Zauber (im guten Sinnei des Feuervogels; in seiner Jugend kann der Prinz mit diesem Zauber, der auf seiner Seite steht, den gegnerischen bösen Zauber bekämpfen und besiegen.

Ganz anders die Welt des alten Menschen: des Kaisers von China im Märchen »die Nachtigall«. In der Welt hat er nichts mehr zu erobern; alles ist etabliert, seine Macht ist gefestigt. Ihn jedoch können bedrohen: Intrigen, Krankheit und Tod. Während der Prinz noch unbefangen in der Natur lebt, ist die Welt des Kaisers kalkuliert, beherrscht, sie ist Pomp, Macht, Gesellschaft und Etikette. Die Sinnlichkeit ist nicht mehr so leiblich wie beim Prinzen, der die Prinzessin begehrt, sondern sublimiert: der Kaiser liebt die Kunst, die Musik, er liebt den Gesang der Nachtigall. Dies ist sein Zugang zum Zauber des echten Lebens, zur Natur.

In dieser besonderen Sommernacht, in der die Kinder aufbleiben dürfen und alles mit Lichtern schmücken, entfaltet sich eine außergewöhnliche Kraft der Musik: der Tod wird besiegt, er verliert seine Macht.

Hans-Christian Hauser

 

Hatte Strawinsky einen Vogel?

Diese bis heute offene Frage machte den Meister 1913 berühmt, als er sein »Frühlingsopfer« dem Ohr der Welt darbrachte. Es gab Tumult, denn das Ihrogleichen verehrte Publikum tobte teils begeistert, teils entgeistert. Herren sollen sich die Haare unter der Hemdbrust gerauft haben.

Damit hier und heute ähnliches verhütet wird und Sie sich nicht aufgewühlt in die ebensolchen Fluten stürzen müssen, versuchte ich, die Titelfrage zu versachlichen und vor allem endgültig zu beantworten. Dabei fand ich heraus: Nicht hatte Strawinsky e i n e n Vogel, sondern v i e r: Den Feuervogel, die Nachtigall, und zu den anderen komme ich gleich.

Mit dem Feuervogel nun hat uns Strawinsky einen Bären aufgebunden. Es gibt nämlich gar keine Feuervögel! Und mit unserer Oper haben der Meister und sein Dichter Andersen uns noch schlimmer reingelegt, denn in China und um China herum gibt es überhaupt keine Nachtigallen! Wie jedes Kind auch weiß, ist die »Chinesische Nachtigall« nichts anderes als der in China lebende und schön, aber ganz anders pfeifende Sonnenvogel (Leiothrix lutea). Strawinsky bläst uns falsche Töne ins Ohr (!), und wir werden seine Oper umschreiben oder umnennen müssen! Falls Sie das pingelig finden, dann stellen Sie sich doch bitte vor, aus Ihrer Kuckucksuhr tönt plötzlich Kikeriki, oder Mozart hätte seinem Tamino als Zauberflöte einen Dudelsack umgehängt.

Drei von Strawinskys Vögeln sind also geklärt. Doch nun ernsthaft zum vierten, dem bedeutensten: Schon längst waren mir Zusammenhänge zwischen Musik und Vogelgesang aufgefallen, z. B. bei Vivaldis Jahreszeiten, Rameaus Hahn, Beethovens 6., Mozarts Papageno, Wagners Waldvöglein. Und ich kam schließlich zum überraschenden Schluß: Die Grundlage unserer Musikkultur, nämlich die abendländische Harmonik, ist tatsächlich einem Vogel zu danken. Aber eben nicht der Nachtigall, sondern unserer, wie ich finde, hundertmal schöner pfeifenden europäischen Amsel. Ihr allein gebührt der Lorbeer. Ich meine, ohne sie wären Mozart und Bach, Schubert und ich, aber auch die anderen von Beethoven bis zu den Sträußen und selbst Strawinsky – so nicht denkbar. Wo unsere großen Meister tonten und tönten, da, und nur da, sang auch sie. Sie ist der Vater unserer Melodie, ihr Ensemble gab die Idee zu unserer Polyphonie.

Ich hatte Amseln lange belauscht und ihre Musik eingefangen. Höhepunkt des Konzerts jeder Amsel ist das Hauptthema: ihre ganz persönliche, immer wiederkehrende, alles überstrahlende »Erkennungsmelodie«. Nach der Gesangspause von Mitte Juli bis Anfang Februar freue ich mich auf den neuen Frühling und die alten Lieder, gehe ins jeweilige Melodie-Revier, und finde bald meine alten Amseln wieder. Nach fahren klang ein Thema etwas variiert. Ob von ihr oder ihrem Kind, das weiß ich nicht. Ein langsamer abgespieltes Tonband ergab: Was einmal wie Reibung klang, war tatsächlich ein zweistimmiger Pfiff (Ouint)!! Dabei tauchte auch ein Melodiebogen auf, der draußen wegen Tempo und Höhe gar nicht mehr erkennbar war. Übrigens wohl alles in Dur, und »mit vielen Kreuzen«, und tonreiner als manches von manchem Opernstar.

Es folgen einige meiner Amsellieder, nach G-Dur, und tiefer transponiert. Aber bitte erst nach dem Finale pfeifen!

Franz Kellner

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