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Festival 1993 - Johann Strauß (Sohn) (1825-1899) »Die Fledermaus«Ausgerechnet die »Fledermaus«…

Noch ein Bühnenbild zur meistgespielten Operette aller Zeiten zu gestalten und dazu eines, das die bestehenden, mit der »Fledermaus« verbundenen Erwartungen nicht in konventioneller Weise befriedigt, mag ein gewagtes Unternehmen sein. Als Maler ganz unbefangen auf das Stück, seine Melodien, seine Stimmungen zu reagieren und so einen eigenständigen Rahmen für das Spiel der Fledermaus zu setzen, war Vergnügen und Herausforderung.
Ohne Frage, die »Fledermaus« zählt zur leichten Muse. Eingängig die Melodien, bezaubernd die Koloraturen, voller Witz die Handlung, spritzig die Laune. Warum sollte man dies überfrachten mit tiefgründigen Überlegungen, warum verstellen durch schwerverdauliche Experimente?
Andererseits ist kaum zu übersehen, daß der Glanz dieser Operette unter den unzähligen »Sylvester-Inszenierungen« mit Wiener Plüsch und Pomp gelitten hat, daß die ureigene Frische des Stückes von einer gehörigen Staubschicht bedeckt und sein Farbenreichtum deutlich abgewetzt ist. Ein kräftiger frischer Wind mag also nicht schaden, um die Staubdecke zu lüften und einen neuen Zugang zur »Fledermaus« zu schaffen.

Gründerzeit
Neben der raffinierten Rache-Handlung des Notar Falke, ist die »Fledermaus« eine treffliche Schilderung der bürgerlichen Wiener Gesellschaft in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jene sogenannte Gründerzeit ist wenig rühmlich in die Kulturgeschichte eingegangen, als Epoche wahlloser Stilnachahmungen und wahrerOrgien in Plüsch und Pomp.
Zwischen der Einfachheit und Klarheit der Linien im Empire-Stil bzw. dem Biedermeier und dem späteren Jugendstil mit seiner sensiblen, mit künstlerischem Mut gepaarten Formensprache, steht die Gründerzeitmode ohne eigenständige künstlerische Kraft.
Da das Fledermaus-Spiel ausschließlich in geschlossenen Räumen (der bürgerlichen Wohnung, dem Ballsaal des Fürsten und der Amtsstube des Gefängnisdirektors) stattfindet, kommt der Ausstattung und Einrichtung besondere Bedeutung zu.

Stilisierung
Den schwülstigen historischen Rahmen der Gründerzeit aufzugeben, die »Fledermaus« von überflüssigem Kitsch, Pomp, Plüsch und sentimentaler Süße zu befreien und dabei doch der Heiterkeit, dem Übermut, der Lebensfreude des Stückes Ausdruck zu verleihen, war der Ausgangspunkt der Überlegungen.
Zugleich schien es aber auch nicht sinnvoll, die »Fledermaus« aus ihrer Zeit herauszunehmen, um sie in eine andere zu versetzen. Der Weg der Stilisierung lag also nahe. So enstand der Gedanke, einen Kontrast zwischen einem weitgehend »abstrakten« Bühnenbild und »klassischen« Kostümen (in stilisierter Form) zu schaffen. Die Bühnensituation sollte unterschiedlich interpretierbar bleiben, zu Assoziationen anregen, statt Situationen vorzugeben und von eigenständiger Ausstrahlung sein.

Farbräume
Die drei Akte der »Fledermaus« sind sowohl räumlich wie von der Stimmung her von ganz unterschiedlicher Ausstrahlung. Dies führte dazu, drei Farbräume mit jeweils eigener, klar voneinander unterscheidbarer »Bühnenarchitektur« zu entwickeln. Farbe und Raum sollten der jeweiligen emotionalen Situation im Stück entsprechen und die Handlungskurve sollte sich darin wiederspiegeln.

Rot…
… präsentiert sich der 1. Akt, in Anlehnung an die beliebte rote Tapete der Zeit. Zwischen bürgerlicher Enge einerseits, verdeckter Erotik und delikater Versuchung andererseits, kreist die Handlung um das zentrale, stilisierte Sofa im Hause Eisenstein.

Weiß-Gelb…
… erstrahlt der Ballsaal im 2. Akt. Die Bühne öffnet sich zum Publikum, das Orchester wird Teil des Bühnenbildes, die rauschende Ballnacht kann beginnen. Licht und Farbe schaffen eine Atmosphäre der Hochstimmung, des Übermuts bis hin zur Verwegenheit im Salon des exaltierten Prinzen Orlofsky. Die Rache der Fledermaus steuert ihrem Höhepunkt zu …

Grau-Grün…
… kehrt am nächsten Morgen die Ernüchterung im Amtszimmer des Gefängnisdirektors Frank ein. Der Vergnügung sind eben Grenzen gesetzt.

Glanz
Der »Fledermaus« einen klaren formalen Rahmen zu geben, damit ihr Schwung, ihre Bewegung und die musikalischen Höhepunkte in ihrer ganzen Fülle zur Geltung kämen, – dies war die Intention.
Der Glanz der »Fledermaus« liegt in ihr selbst,- wie wir die Lebensfreude in uns selbst suchen und finden müssen.

Gerhart Kindermann

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