Zur Inszenierung

Ja sicherlich, es sei sofort zugestanden: alles möglich stimmt nicht, wenn wir die Handlung ins Deutschland des Jahres 1930 setzen. Das haben Operninszenierungen so an sich, dass es nie vollkommen stimmig sein kann, wenn sie eine Handlung in andere Umstände transponieren.

Aber so eine Anwendung hat auch ihren Reiz, denn sie entfaltet manches an Energie - und damit an Wahrheit. Man reibt sich als Betrachter an diesem oder jenem Detail und wird vielleicht gerade dadurch in der Seele dort gepackt, wo es gemeint war...

Ich wollte eine geschichtliche Situation mit zwei Gruppen als Grundlage nehmen, deren gegenseitigen Hass wir kennen, und der uns berührt - weil dies doch Teil unserer Vergangenheit ist...

Eigentlich: bei Shakespeare ist es eine Fehde zwischen zwei FAMILIEN. Insofern ist es nicht logisch, dafür den Hass der einen, ideologisch verblendeten Gruppe gegen eine andere Bevölkerungsgruppe zu setzen, von der als solcher keinerlei Hass ausgeht, die nun aber mit dem Hass und den Provokationen der erstgenannten konfrontiert ist.

Das Unvereinbare zwischen den zwei Gruppen ist aber doch mit der Shakespeare-Situation gemeinsam. Und damit die Unmöglichkeit, dass eine Liebe zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau aus diesen beiden Gruppen sich entfalten kann. Allerdings war 1930 der politische Ausgang noch offen, die Konflikte noch nicht so verhärtet.

Wir möchten nicht Cliché und Schwarz-Weiß-Malerei auf die Bühne bringen, sondern versuchen echte, labile und facettenreiche Charaktere zu zeichnen. Die Familie Capulet soll also eine bürgerliche, begüterte, deutsche jüdische Großstadtfamilie sein. Dort finden wir Familiensinn, Behütetsein, gute Tradition, selbstverständliche Einbettung der jüdischen Feste und Traditionen in den familiären Rahmen (wir sehen davon ein Purimspiel, einen Shabbatabend und eine Hochzeitszeremonie) - einen gütigen, vernünftigen Vater, treue Vettern, süße Nachbarskinder, einen begüterten Bräutigam, und eine hübsche Tochter, vielleicht 16jährig..

Auf der anderen Seite Roméo, vielleicht 17jährig, mit seinen Freunden, dem kleinen Lausbuben Stephano (12) und Mercutio (18). Vermutlich aus einfacherer sozialer Schicht, sind sie mitgerissen von den Uniformen und dem Schneid, der Propaganda einer Partei, die gerade groß in Mode kommt, und die verspricht, das Heil fürs Heimatland zu bringen und eine große Zukunft für die Jugend. Da wird es dann chic, Schmierereien und Provokationen gegen jüdische Kaufleute anzubringen.

Roméo, von eher weichem Charakter, lässt angesichts der auflodernden Liebe zu Juliette rasch alle Ideologie fallen, während der draufgängerische Mercutio versucht, ihn mit blasphemischen Anspielungen auf seine Gewissensskrupel und mit Vorwürfen, er sei ein Weichling, bei der Ehre zu packen.

Der kleine Stephano macht sich mit einem Fahrtenmesser wichtig, und Mercutio zettelt die Rangelei vollends an. Die Pistole, die er sich irgendwo - sicherlich illegal - beschafft hat, geht unversehens los und trifft ihn selbst. Angesichts des Todes seines Freundes verliert Roméo die Nerven - und ersticht in blinder Wut Tybalt, den Vetter Juliettes, als dieser sich nicht alles gefallen lässt und verbal-intellektuell dagegenhält.

Text: Hans-Christian Hauser